Postfeudale Welten
«ALL I SEE» – alles, was ich sehe – steht auf dem Szenenvorhang. Zum Auftakt fangen die Buchstaben nervös zu blinken an. Was sehe ich, was kann ich erkennen, werde ich als der erkannt, der ich bin? Im Verlauf seiner sehr freien «Iphigenie»-Adaption auf der Kammerspielbühne des Frankfurter Schauspiels lässt Ersan Mondtag ein paar Mal den Zusammenhang von Erkenntnis und Gewalt aufflackern, etwa in der Projektion eines Stills aus Lana del Reys Video «High by the Beach» auf der Bühnenrückwand.
Die Sängerin hält da ein monströses Maschinengewehr im Arm, mit dem sie gerade einen aufdringlichen Paparazzi samt Hubschrauber abgeschossen hat. Nicht genau Hinschauen kann gefährlich werden – zu genaues aber auch.
Doch was hat das alles mit Iphigenie zu tun, jener von Goethe in den schönsten Tugendfarben ausgepinselten Idealfigur, die zwischen Pflicht und Neigung den goldenen Kompromiss schließt? Sie ist, so der Mythos, in letzter Sekunde dem Opfertod durch Vater Agamemnon entkommen, weil sie von der Göttin Artemis mit einer Hirschkuh vertauscht und in deren Heiligtum auf der Insel Tauris gebracht wurde. Hier wird sie deren Priesterin, die selbst im Namen der Gottheit Opfer fordert und um ein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 15
von Eva Behrendt
Als Katherine Anne Porters Roman «Das Narrenschiff» 1962 erschien, wurde er in den USA als Jahrhundertwerk bejubelt und bald auf Platz 1 der Bestsellerliste geführt. In Deutschland hingegen wurde der Erfolg des Buchs schmallippig aufgenommen; Kritiker warfen der texanischen Autorin (1890–1980) antideutsche Ressentiments vor. Tatsächlich werden die meisten Deutschen...
Neue Intendanten in London und erste Ergebnisse: Die Theaterlandschaft verändert sich sanft, aber deutlich; siehe Annie Bakers «The Flick» am National Theatre
Sandro Lunin hat das Zürcher Theaterspektakel seit 2007 zu einer wichtigen Adresse gemacht, gerade auch für Gastspiele aus Afrika. Ein Blick auf das Programm dieses Sommers
Ferdinand Schmalz sucht und...
Was hat Theater mit der Wirklichkeit zu tun? Sehr viel in diesen Tagen: In Kabul stürmen Taliban eine Aufführung der Gruppe AZDAR und verüben einen Anschlag, bei dem zwei Menschen sterben; in der Folge dürfen die Mitglieder des Theaters nicht zu einem Gastspiel nach Deutschland reisen, weil die (deutschen) Behörden Flucht-gefahr wittern. In Gera führt das Theater...
