Anarchie und Selbstdistanz
«Ich bin’s», hört man Anita Vulesicas Stimme zunächst aus dem Dunkel, «die mit den zwei Stimmlagen.» Klingt gut – stimmt aber nicht. Tatsächlich sind es mindestens zweihundert Facetten, in denen die Schauspielerin hier mit ureigenem Witz ihre Lebensbetrachtungen in die Karrierestationen des Popstars Madonna hinein verschachtelt. Der Soloabend «Mother», den Vulesica selbst geschrieben, inszeniert und in der Box des Deutschen Theaters Berlin herausgebracht hat, ist Rockkonzert, Tragödie und Stand-up-Comedy auf einmal – und erzählt sehr viel über seine Schöpferin.
Immer wieder geht es um das Bedürfnis, «gesehen» zu werden – was nicht nur Vulesicas Lebensthema, sondern bekanntlich auch eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit im Schauspielbusiness überhaupt ist. Denn die existenzielle Hoffnung, dass der Regisseur – und das Publikum – einen im Wesenskern erkennen, ähnele dem kindlichen Bedürfnis, von den Eltern gesehen zu werden, erklärt Vulesica: «Das verwechseln viele, deswegen ist es auch so schmerzhaft. Vor allem, wenn man nicht gesehen wird.» Zu den bemerkenswertesten Fällen regieseitiger Fehlsichtigkeit in Anita Vulesicas Schauspielerinnen-Biografie gehört zum Beispiel der ...
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Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Akteure, Seite 31
von Christine Wahl
Was bleibt von der flüchtigsten und der lebendigsten aller Kunstformen, dem Tanz, wenn die Bewegungen verschwunden und die Körper, die sie tanzten und formten, längst tot sind? Vereinzelte Dokumente, Briefe und Fotografien, Notizen und Kostümteile, die in Archiven leblos vor sich hin dämmern. Das Verhältnis von Tanz und Archiv beschäftigt nicht nur die...
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«Azione», ruft Milo Rau. Blutend wird Jesus die engen Gassen hinaufgetrieben. Hinter ihm, in der kühlen Sonne des frühen Oktobertages, weiten sich wie gestapelte Bausteine die Höhlen der Sassi im süditalienischen Matera, seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe und 2019 europäische Kulturhauptstadt. In Matera wurden schon viele Jesus-Filme gedreht, am bekanntesten das...
