Operation Zeichensturm

Jonathan Meese darf in der Berliner Volksbühne den Künstler performen, der er vielleicht ist

Theater heute - Logo

Um die wahre Größe dieser «Theater»-Produktion in der Volksbühne zu verstehen, ist es notwendig, sich Jonathan Meeses Weg zu einem der teuersten und meistdiskutierten deutschen Gegenwartskünstler vor Augen zu führen.

Die Ursache dieses märchenhaften Erfolges ist vermutlich vor allem in Meeses perfekter Inszenierung eines Rätsels zu suchen: Wer bin ich? Schon mit seiner ersten international awahrgenommenen Präsenz bei der Berlin Biennale 1998 im Alten Postfuhramt in der Oranienburger Straße zeigte er eine Art vollgemülltes Jugendzimmer, das eine Figur im schwarzen Ledermantel mit grimmigen Gesichtszügen anhimmelte: Meese himself. Auf miesen Selbstporträts, die mit martialischen Wortzwittern beschrieben waren, und verwühlt in Filmfotos, Pornobildchen und andere Zivilisationsleckerlis zelebrierte Meese eine manische Freude am infantilen Prahlen, die in ihrer Radikalität Neugier weckte.

Aus diesem chaotischen Kosmos in der Tradition von Anna Oppermanns Zettelwelten, der sich mit düsteren, schablonenhaften Adaptionen kultureller Superzeichen füllte, entwickelte Meese in den Folgejahren einen eigenen kulturellen Code. Als eine Art Kunstschamane bastelte er an seiner Privatmythologie, die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2007
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Till Briegleb

Vergriffen
Weitere Beiträge
Alltag der Emporkömmlinge

Alles Walzer!» Am Ende des zweiten Aktes fassen sich in Stefan Ottenis Nürnberger Inszenierung von Arthur Schnitzlers Gesellschaftskomödie «Professor Bernhardi» die Herren (mangels Damen) um die Hüften und drehen sich linkisch-gespenstisch im Dreivierteltakt. Da ist die Donau schon lange grau und der Himmel über Wien hängt voll düsterer Gewitterwolken. Die liberale...

Die Herzensliste

Christine Dössel kommt am späten Vormittag nach der Theatertreffen-Jurysitzung mit Koffer und Taschen beladen in die Redaktion. Sie ist sehr wach, sehr blass, sehr müde und verlangt nach einer Tasse Tee.


Franz Wille Wie lange hat denn die Sitzung gestern gedauert?

Christine Dössel Gute acht Stunden, weniger als im letzten Jahr, da waren es knapp zehn. Das haben wir...

Es muss auch solche geben

Sechs Jahre ist es her, dass im Dezember 2000 der damals noch weitgehend unbekannte Michael Thalheimer am Hamburger Thalia Theater den denkwürdigen Anfang einer kleinen «Liliom»-Renaissance des 21. Jahrhunderts machte: Auf minutenlange Bewegungslosigkeit des hemdsärmeligen Protagonisten, die schließlich in einem seltsamen Schütteln der Arme, unwillkürlicher...