Oberhausen: Der geöffnete Schlachthof
«Unmoralische Menschen werden blass unter der Peitsche der Satire», heißt eine Sentenz in einem antiken Text des römischen Dichters Persius. Auf einer Illustration des berühmten belgischen Symbolisten Fernand Khnopff räkelt sich dazu eine dunkelhaarige Nackte und entzieht sich dem lüsternen Zugriff zweier in das Bild ragender Hände. Auch der Regisseur Stef Lernous ist flämischer Belgier und Leiter des Theaters Abattoir Fermé in Mechelen.
Die Hauptfigur seiner «Mörderballade», die er in Koproduktion mit dem und am Theater Oberhausen herausgebracht hat, erinnert sehr an Khnopffs verführerische Schöne und ist zudem Hommage an die Düsternisse des deutschen expressionistischen Stummfilms, auf dessen dämonischer Leinwand etwa G.W. Pabsts «Lulu» mit dem Pagenkopf der Louise Brooks zum Unheil herausforderte. Doch auch den Schatten der verletzlich entblößten Susanne Lothar aus Zadeks Wedekind-Inszenierung lässt Lernous’ aus seiner Büchse der Pandora heraus.
Die Angstlust-Fantasie der Femme fatale gleicht bei ihm, in Gestalt der jungen Laura Angelina Palacios, eher einer Femme fragile. Kein Vamp, vielmehr ein Naturkind. «Das schöne wilde Tier», wie der Dompteur Frank Wedekind zirzensisch ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2016
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Andreas Wilink
Für einen Theaterabend, der auf Schuberts «Winterreise» basierte, filmte der Theater- und Filmregisseur Kornél Mundruczo im Herbst 2013 sechs Tage lang im ungarischen Flüchtlingslager Bicske. Er bat die Geflüchteten – Menschen aus Afghanistan und Syrien –, auf eine neutrale, unemotionale Art und Weise ihre täglichen Routinen nachzustellen: Schlafen, Essen, Trinken,...
An Görings Geburtstag rottet sich das grau gewandete Gefolge des Nazi-Oberbonzen zu einem Opernhausball zusammen. Den Gastgeber spielt Hendrik Höfgen, Intendant der Berliner Staatstheater, Görings Günstling. Der Autor Klaus Mann schreibt das Jahr 1936, er schrieb auch im Jahr 1936, er konnte noch nichts wissen von Holocaust und totalem Krieg, aber er ahnte das...
Zombies treiben schon seit längerem ihr Unwesen auf deutschen Bühnen. So konsequent wie in Kassel allerdings ist das Prinzip selten durchexerziert worden. Die fünfköpfige Familie aus Vater, Mutter, Tante, Sohn und Tochter, der der junge Regisseur Ersan Mondtag im kleinen tif eine geometrisch durchgemusterte 60er-Jahre-Wohnhölle in schrillem Rot und Gelb gebaut hat,...
