Nichts Neues aus der Anstalt
Die Psychiatrie als Spiegel der Gesellschaft, das ist das aufklärerisch kämpferische Grundmotiv in «März» von Heinar Kipphardt. Kipphardt weiß, wovon er schreibt Anfang der 50er Jahre hat er selbst als Psychiater an der Charité gearbeitet. Angelehnt an die reale Geschichte des Psychiatriepatienten Ernst Herbeck drehte er 1975 den preisgekrönten Fernsehfilm «Leben des schizophrenen Dichters Alexander März». Ein Jahr später publizierte er den Stoff als Roman, das zugehörige Theaterstück wurde 1980 in Düsseldorf uraufgeführt.
«März» steht in der Tradition der Antipsychiatrie-Bewegung, die die Missstände in den Kliniken der 50er und 60er Jahren anprangerte. Deren radikalere Vertreter wollten die Institution als solche komplett abschaffen, sie sahen Schizophrenie oder Depression als sozialisiert, beziehungsweise als ein politisches und juristisches Konstrukt an – ein klar gesellschaftspolitisches Anliegen, das nach momentanem Forschungsstand nurmehr wenig Substanz hat. Regisseur Alexander Müller-Elmau und Dramaturg Dirk Diekmann bringen nun am Ort der Uraufführung eine eigene Dramatisierung des Romans auf die Bühne. Die Inszenierung propagiert formal die Auflösung der Kategorien «krank» ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2015
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Cornelia Fiedler
Bevor es ernst wird – und ich Ihnen einige unordentliche Gedanken vortrage –, beginnen wir scheinbar heiter. Sie kennen das Aperçu von Oscar Wilde: «Alle Frauen werden wie ihre Mütter, das ist ihre Tragödie. Kein Mann wird wie seine Mutter, das ist seine Tragödie.»
Es gibt kaum eine intimere Situation, mir fällt nur noch eine andere Zweisamkeit ein, als die...
Recherchen in einem nicht mehr existierenden Staat: Die kubanischen Autoren Marcos Antonio Diaz Sosa und Rogelio Orizondo Gomez kamen im vergangenen Jahr nach Jena, um nach Spuren ihrer Landsleute zu suchen, die in der ehemaligen DDR als Vertragsarbeiter lebten. Das hätte eigentlich spannende Ergebnisse und Einblicke geben können, Antworten vielleicht nicht zuletzt...
«Ab jetzt bestimmt die Fiktion die Wirklichkeit!» Der Mann mit der Pelzkappe reißt das Fenster zur Straße auf. Eine frische Brise, Autolärm und Vogelzwitschern dringen in den stickigen Theaterraum hinein, und er brüllt hinaus: «Wir lassen uns von Gott nicht mehr umbringen!» Mit Revolvern hatte der Bärtige, der Anarchist Michail Bakunin, zuvor in den Theaterhimmel...
