Neurotische Frauen

Elfriede Jelinek: «Ulrike Maria Stuart»

Theater heute - Logo

Wie man hört, wird Bernd Eichinger demnächst in Zusammenarbeit mit einem renommierten Baader-Meinhof-Chronisten die Geschichte der RAF verfilmen. Zu erwarten ist eine oberflächenpolierte Terroristen-Schmonzette, die sich als Historie geriert. Ein bekanntes Fernsehgesicht wird in Zukunft für Ulrike Meinhof stehen, und endlich werden wir die Menschen, die unsere Geschichte bestimmt haben, kennen, ihre Gefühle und ihre Motivationen verstehen.

In Elfriede Jelineks «Ulrike Maria Stuart» versteht man erst einmal wenig – zersplittert, überhöht und grotesk erscheinen die Figuren, zersplittert auch die Geschichte und undurchdringbar die Sprachwüste, die uns die Autorin zumutet. Königinnen, Engel und Prinzen samplen sich durch drei Zeitspannen, durch Ideologien und Ideologielosigkeit und erzählen ganz nebenbei von der Unmöglichkeit einer auch nur halbwegs objektiven Geschichtsschilderung.
Maria Stuart und Elisabeth I., Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin – gleich zwei mal zwei Königinnen, zwei mal zwei Frauen kämpfen in Elfriede Jelineks neuestem Stück um Macht und Liebe, bekämpfen sich gegenseitig und kommen zu Fall. Ausgehend vom Kerker, von der Strafjustizanstalt Stammheim, öffnet Elfriede ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2006
Rubrik: Neue Regeln, Seite 153
von Sonja Anders

Vergriffen
Weitere Beiträge
Phänomen Abstieg

1. Abstieg, politisch: Freundliche Übernahme

«Kultur» ist eine Standesorganisation wie die Ärzteschaft oder die Justiz (vgl. hierzu Alexander Kluge: «Korti», in: «Lebensläufe», Stuttgart 1962). Die Angehörigen des Kulturstandes (heute oft irreführend: «Kulturbetriebes») schützen die Ihren. Aber wie? Und wovor? Man begreift sich gern als Opfer, ohne diese Fragen...

Regeln der Straße

Wenn die Menschen nicht zum Theater gehen, geht das Theater eben zu den Leuten. Und wenn die Leute das Theater nicht mehr verstehen, versucht es zumindest, sich dem Nachwuchs zu vermitteln. Die deutschen Bühnen haben gute Gründe, ihr potenzielles Publikum zur Partizipation zu animieren. Ein Report über Nutzen und Nachteil der Allianzen zwischen Kunst und Pädagogik...

Verdammt kalt

Erste Geschichte, die von dem Spiegel und von den Scherben handelt», diesen Untertitel trägt der erste Teil des Märchens «Die Schneekönigin» von Hans Christian Andersen. Der Spiegel des Teufels, der alles genau umgekehrt zeigt, wie es ist, stürzt von einem Himmelsflug zu Erde, «wo er in hunderte Millionen, Billionen und noch mehr Stücke» zerspringt. Und nun...