Nationaltheater mit Akzent

Martin Kušej will das Burgtheater internationaler machen. Noch wird auf Deutsch gespielt, aber nicht für alle Neuen im Ensemble ist das die Muttersprache

Theater heute - Logo

Vorworte von Spielzeitheften sind meist ähnlich spannend wie das Wort zum Sonntag. Das erste von Martin Kušej verantwortete Spielzeitheft des Burgtheaters aber beginnt mit einem Text, der sich wie ein programmatisches Manifest liest. Darin heißt es: «Das Burgtheater wird sich fortan und endgültig nicht mehr als ‹teutsches Nationaltheater› begreifen, das nur in einer Zunge spricht und nur auf einem Ohr hört.» Um zu verstehen, was damit gemeint ist, braucht es einen kleinen Exkurs in die Geschichte des Burgtheaters – und zwar bis ganz zurück an den Ursprung der Institution.

 

Als Gründungsdatum des Burgtheaters gilt der 23. März 1776. Damals verfügte Joseph II., dass das bis dahin privat betriebene «Theater nächst der Burg» ab sofort vom Hof verwaltet und finanziert werden solle; beiläufig ist in dem Schreiben von einem «teutschen Nationaltheater» die Rede. Gemeint war damit schlicht, dass auf der Bühne Deutsch gesprochen werden sollte; vorher hatten sich deutschsprachige Schauspieltruppen mit französischen und italienischen abgewechselt. Die Bühnensprache wurde am Burgtheater seither nicht mehr ernsthaft hinterfragt, der Begriff Nationaltheater aber hat sich bis heute erhalten. «Das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2019
Rubrik: Neues Stadttheater, Seite 74
von Wolfgang Kralicek

Weitere Beiträge
Der Himmel leer

Mit den Worten «hallo? / hört uns jemand?» eröffnet der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer sein neues Theaterstück, eine hochmusikalische, rhythmisch stark geformte Sprachpartitur. Die Frage, die sich als ein Angebot an das Publikum verstehen lässt, in einen Dialog zu treten, ist eine rhetorische, denn die Verlorenen werden kein Gehör finden. Bereits im...

Apokalyptische Szenarien

Wir wurden im Frühjahr 2019 vom leitenden Dramaturgen Daniel Richter angefragt, ob wir die zehn Inszenierungen des diesjährigen Theatertreffens sehen und auf die Frage hin einschätzen wollen, wie männlich das Theatertreffen sei. Als Theaterwissenschaftlerinnen und Geschlechterforscherinnen nahmen wir uns dieser Aufgabe sehr gern an – und hier sind nun unsere...

Opfergruppe Weiß

So muss sich das Warten auf’s Schafott anfühlen. Drei Mitarbeiter*innen eines international agierenden Magazins sitzen beisammen und warten auf ihr Urteil. Was geschehen ist? Zur Feier des Black-Achievement-Monats hat Lesley für das Cover der Zeitschrift das Bild einer schwarzen Frau gezeichnet, in «ihrem eige­nen Stil». Sie selbst nennt es eine Ode an dieselbe,...