Moral als Fetisch
Was tun, wenn das Leben nach dem Lustprinzip einen Sättigungsgrad erreicht hat, der jede Steigerung zur Mühsal werden lässt? Wenn Ausschweifung nur noch anstrengend ist und nicht einmal die Macht mehr müde Männer munter macht? Man könnte sich entspannt zurücklehnen und einfach abwarten, bis sich die Libido von selber wieder regt. Oder man inszeniert – um die erschöpfte Begierde künstlich anzufachen – ein perfides Rollenspiel, in dem alles, was bisher gefiel und erlaubt war, auf einmal bei Todesstrafe verboten ist.
Shakespeare lässt in seiner dark comedy «Maß für Maß» um scheinheilige Strenge und verkapptes Laster viele Rätsel offen, doch wenn Stefan Pucher, Meisterregisseur kalter Herzen unter glühender Oberfläche, etwas nicht interessiert, dann sind es bohrende Fragen nach einem Warum. Warum sich auf eine zwängende Logik festlegen? Warum Stellung beziehen zu heiklen Themen wie dem richtigen Regieren, wenn das «Wie?» so viele schillernde Facetten zulässt? Der dunkle Spiegel, den Shakespeare seinen Zeitgenossen vorhielt, ist zersprungen. Das suggeriert zumindest Chris Kondeks Anfangsvideobild auf dem Eisernen Vorhang der Münchner Kammerspiele, und auch im weiteren Verlauf des gerade ...
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Zum Schluss sitzen da zwei Menschen erschöpft nebeneinander, ein Paar, das sich nichts geschenkt hat, sichtlich abgekämpft, aber dennoch ein Paar. Er schocksteif, mit schreckgeweiteten Augen und noch immer festgezurrter Krawatte, sie, im blutrot geblümten Abendkleid, leicht derangiert, den Kopf an seine Schulter gelehnt. Wüsste man nicht, dass gerade jeder von...
Eine Löwin, eine «niederbayerische Löwin», «Nachbarin Courage» und, natürlich, «Mutter Courage des Volkstheaters» wurde sie, schon in den Überschriften der Nachrufe, tituliert. «Die Mama ist tot», war zu hören, und man rief Zeitzeugen ins Gedächtnis: Bei Brecht habe sie im Berliner Ensemble gearbeitet und bei Peter Stein in der Berliner Schaubühne, zusammen mit...
Adolf Hitler war ein verschrobener Kerl, dem die Hände zitterten. Andreas Baader war ein ungehobelter Macho, der gern mit Pistolen fuchtelte. Claus Graf Stauffenberg war ein Aristokrat der Tat, der beinahe das Schicksal ausgebremst hätte. Die DDR war ein dekadentes Funktionärsregime, in dem Kunst nur der Anbahnung von Sex diente. Die DDR war ein Paradies mit...
