«Marco war en Schmusekind»
Dieser Text lässt sich nicht einfach abschütteln. Er nistet sich ein, beißt sich fest, kriecht ein paar Nächte lang übers Kopfkissen. Er hinterlässt Bilder eines abscheulichen Verbrechens: Nach der Lektüre sieht man mondbeschienene Feldwege vor sich, leere Bierkästen Marke «Sternburger» und Springerstiefel, die nach einem erschöpften Körper treten. Man hört einen betrunkenen Teenager panisch «Ich bin ein Jude» lallen und später das Krachen von Knochen. Dabei hat man in diesem Text weit mehr erfahren als das, was in dieser schnapsschweren Sommernacht geschah.
Der Mord von Potzlow, verübt am 13. Juli 2002, ist längst durch die Presse gegangen. Damals haben drei junge Kerle, das Brüderpaar Marco (23) und Marcel (17) Schönfeld und ihr Kumpel Sebastian Fink (auch 17), den 16-jährigen Marinus Schöberl mehr zufällig als systematisch stundenlang gequält und gedemütigt, ihm schließlich nach mehreren Anläufen den Schädel zertrümmert, seine Leiche in der Jauchegrube eines alten Schweinestalls verscharrt und sich zu Bett gelegt. Das Verbrechen machte auch deshalb Schlagzeilen, weil Marinus’ Leiche erst nach sechs Monaten entdeckt wurde, die Täter aus dem Dunstkreis der Neonazis kamen und weil ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das Foyer der Kammerspiele ist in rotes Licht getaucht. Herzen zieren die Wand hinter einer Kleinkunstbühne, auf der in der Pause Chansons vorgetragen werden und Lebenspraktisches von Bertolt Brecht: «Am besten fickt man erst und badet dann.» Ein zweiter Raum empfängt in kühlem Neonambiente. Auf einer Leinwand laufen hausgemachte Kurzfilme über Liebeslust und...
Boy, Cop, Mother, Dealer, Bitch und Boyfriend – das Personal in Paravidinos «Stillleben in einem Graben» entspricht den Grundbausteinen eines Krimisetzkastens. Und tatsächlich geht es in dem von Paravidino 2001 verfassten Stück ganz klassisch um eine schöne Frauenleiche. Ein Motiv, das seit jeher die grundlegende Störung der symbolischen Ordnung in der...
André Jung ist Thorsten Fechner. In zweiter Linie. In erster Linie ist André Jung natürlich Harpagnon, der Geizige von Molière, aber dieser Jungsche Geizige kommt nun in all seinen geldgierigen und triebunterdrückten Äußerungen exakt genau so daher wie der ebenfalls äußerst geizige Thorsten Fechner aus der ARD-Daily-Soap «Marienhof». Außerdem ist «Marienhof» die...
