Madonna kann der Schlüssel sein

Kritik ist nicht zuletzt eine Frage der Sozialisation

Theater heute - Logo

Zuerst ist immer die Kunst. Kritik ist sekundär. Weshalb sich Kritik in erster Linie an der Kunst schult und nicht umgekehrt. Und weshalb die Neigung der Kritik immer eine Frage der ersten großen Liebe und die Perspektive eines Kritikers unbedingt immer auch eine Generationenfrage ist. Anders kann es gar nicht sein. Man wächst mit einer bestimmten Ästhetik auf, fühlt sich damit vertraut, glaubt, sie intellektuell zu erfassen. Bei mir war das von Anfang an die Baumbauer- beziehungsweise Marthaler-Schule.

Ich hatte in Basel studiert, und da waren Anfang der neunziger Jahre unter der damaligen Baumbauer-Intendanz Leute wie Christoph Marthaler, Jossi Wieler, Frank Castorf, Matthias Lilienthal, Anna Viebrock, Stephanie Carp, die Schauspieler André Jung oder Josef Ostendorf noch ganz am Anfang. Das war meine Initiation. Theater als Lebensraum, natürlich auch als intellektueller Lifestyle und Herausforderung an den herrschenden Konventionsgeist. Was für Leute, die zwanzig oder dreißig Jahre älter sind als ich, einmal Peter Stein und seine Berliner Schaubühne waren, das war für mich der Start der Baumbauer-Schule. That was it. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass ich mich, als die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2006
Rubrik: Positionen der Kritik, Seite 30
von Simone Meier

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die goldene Garantie

 

Die Wirklichkeit, von der sich Richard Dresser zu seinem schlitzohrigen Stück aus dem Niedriglohnsektor, «Augusta», animieren ließ, ist schon vor ein paar Jahren von der amerikanischen Publizistin Barbara Ehrenreich im Selbstversuch durchwandert worden. 2001 erschien bei uns «Arbeit poor», ein Streifzug durch die Arbeitswelt des unteren Viertels der...

Garstige Wahrheiten

Politisch korrekt ist derzeit gar nichts im Coburger Landestheater: Auf der großen Bühne werden unter dem Deckmäntelchen der leichten Sommer-Krimi-Komödie gesellschaftliche Vor-Verurteiler gleich reihenweise zum «Henkersmahl» in trügerischer häuslicher Idylle geladen und auf Umwegen zu Tomatenmus verarbeitet; im Reitstadel wiederum, der kleinen Nebenspielstätte,...

Karibiktheater in Hanglage

Beim Studium des Stadtplans meint man, auf ein Patchwork mit blinkenden Einzelteilen zu blicken. Die «Barrios» etwa sehen aus, als signalisierten sie in roter Farbe, dass man die wie Wespennester an den Steilhängen von Caracas klebenden Armenviertel auf keinen Fall betreten sollte. Derart abgeschottete Armutsenklaven finden sich allerdings auch in reicheren...