Lieber tot als Theater

Thomas Melle «Nicht nichts»

Theater heute - Logo

Dass man seine eigene Beerdigung nicht mit­erleben muss, scheint angesichts Thomas Melles «Nicht nichts» ein großer Glücksfall. Der Trauergemeinschaft, die sich in Maria Viktoria Linkes Inszenierung am bühnenfüllenden Grab der Dramatikerin Carolyn Gratzky zusammengefunden hat, begegnet man lieber tot. Statt Trauer verbindet sie nichts als das Schwarz ihrer extravaganten Kostüme und eine Extraportion Narzissmus unter den blonden Barockperücken.

Wie aus einem Fashionmagazin für Untote entsprungen, kämpft Sohn Phillip im Aufzug einer pummeligen Gothic-Ballerina mit Selbstmordgedanken, während Kritikerin Johanna in Frack und dunklen Kniebundhosen an krankhafter Frühdemenz verzweifelt. Gratzkys Tochter scheitert am Produzieren glaubwürdiger Tränen, Johannas tuntiger Ehemann am erfolgreichen Connecten mit anwesenden Vertretern der Hochkultur. Garstig und voller Genugtuung findet Susanne Bredehöft in der Rolle der namenlosen «Grauhäutigen Theaterautorin» ihren letzten Frieden am Grab der Konkurrentin: Mit Carolyn Gratzky ist für sie auch endlich das Theater gestorben. Überhaupt ist Theater hier gleichzusetzen mit problemsüchtiger Selbstbeweihräucherung auf hochkulturellem Niveau, dessen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August-September 2014
Rubrik: Chronik: Tübingen, LTT, Seite 68
von Judith Engel

Weitere Beiträge
Gottes Samen

Gott ist nicht tot. Nur einfach nicht da. Stattdessen ragt ein Kran von einer mehrstöckigen Plattform krakenhaft ins Nirgendwo. Das Studierzimmer: eine Schmuddelecke mit Waschbecken, und auch sonst hat sich einiges verändert im meistzitierten deutschen Drama, und das mit Recht, versteht sich, «denn alles, was entsteht/Ist wert, dass es zugrunde geht …» etc. pp....

Premieren im August/September · On Tour

Aachen, Theater
18.9. Zeller, Kaspar Häuser Meer
R. Marion Schneider-Bast
26.9. Vekemans, Gift. Eine Ehegeschichte
R. Ludger Engels
27.9. Kafka, Der Prozess
R. Christian von Treskow
 
Altenburg, TPT
25.9. Wodin/Hilbig, Nachtgeschwister
R. Anja Schneider

Annaberg, Eduard-von-Winterstein-Theater
10.8. Bludau nach May, Winnetou 1
R. Urs Schleiff

Augsburg, Theater
19.9. Die Banditen...

Ein deutscher Flüchtling

Obwohl er das bittere Schicksal des Exils auf sich nehmen musste, im Dezember 1948 britischer Staatsbürger wurde und auch keine Rückkehr mehr in Erwägung zog, blieben für den 1883 geborenen Hermann Sinsheimer seine Jugend im pfälzischen Freinsheim und die Fülle der bis 1933 in München und Berlin erlebten Ereignisse und Begegnungen eine Zeit paradiesischen Glücks....