Liebe und Nachbarschaft
Es war einmal die Paradedisziplin von Botho Strauß: Paare in ihren nicht mehr ganz frischen Jahren, anmutig überkreuz oder nebeneinander verzwirbelt im Beziehungsdickicht der bundesdeutschen Achtziger. Saturierte Selbstbeobachter schlugen ihre vielfach gebrochenen Spiegelkabinette auf, sorgsam arrangiert vor tragisch mythischen Abgründen. Die Stücke entfalteten kalkulierte Undurchschaubarkeit wie jeder Bauchnabel, der bei längerer Betrachtung einen schwindelnden Ichwirbel auslöst.
Das Genre galt irrtümlich als ausgereizt.
Denn Lutz Hübner hat erneut einige mittelalte, mittelwohlständige Ehepaare aus dem mittleren deutschen Irgendwo auf die Gegenfahrbahn ihrer Alltagsexistenz geschickt. Die kollisions-gefährdeten «Geisterfahrer» bewohnen eine komfortable Dreiparteien-Gemeinschaftswohnanlage und entfalten nachbarschaftlichen Kontakt, genauer: Die beiden alteingesessenen Paare nehmen ein neu dazu gezogenes in ihre grausam herzliche Umarmung.
Dabei durchläuft das Zwischenmenschliche verschiedene katastrophale Phasen des Kennenlernens. Vom verspannt freundlichen Beschnuppern zu mehr oder weniger freundschaftlichen Offenbarungen, die beim jeweiligen Mitmenschen lange festsitzende Probleme ...
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Eine überdurchschnittliche Disposition zum Wahnsinn ist dem Monarchen Lear in Dresden eigentlich nicht anzumerken. Dieter Mann, der am dortigen Staatsschauspiel bereits gastweise als Senior-Feldherr Wallenstein und als altersweiser Religionslehrmeister Nathan aufgetreten war, wirkt bei der anfänglichen Reichsaufteilung unter seinen drei Töchtern eher wie ein...
Lustig ist Gotscheff nie, komisch nur manchmal, grotesk fast immer. Die Kategorie des menschlichen Mitleids stellt er nur zur Verfügung, wenn er Figuren inszeniert, auf die Heiner Müllers Satz «Und immer noch rasiert Woyzeck seinen Hauptmann» zutrifft.
Aus ihnen macht er Giacometti-Figuren, aber reine Opfer sind auch sie nicht, sondern in ihrem Opportunismus ein...
Zwei Schwestern im Geist sind Mascha und Julia, von Tschechow so entfernt wie ihre «Proletenstadt» Toljatti von einer Garnisonsstadt in der Provinz – also alles in allem nicht sehr weit. Die Unterschiede sind gradueller Art – das existenzielle Sehnen bleibt. Toljatti heißt nach dem ehemaligen Generalsekretär der italienischen KP Palmiro Togliatti und ist der Ort,...
