Liebe, Schmerz und Schmutz
Shakespeares «Was ihr wollt» ist nicht nur eine Komödie, seine beliebteste, sondern auch ein Stück über das Irrewerden an der eigenen Identität, in das die Liebe und die ihr innewohnenden Projektionen seine Protagonisten stürzt. Wird man ein anderer, wenn man vom Rock in die Hose wechselt? Wer werde ich durch den Blick des anderen, der mein Geschlecht verkennt? Im elisabethanischen Theater gab es keine Frauen.
Auch das Mädchen Viola, das ein Schiffbruch in Illyrien an Land treibt, das sich als Junge verkleidet in den Dienst des Herzog Orsinos begibt und sich in ihn verliebt, war ein Schauspieler im Frauenkleid, der sich als Mann verkleidet und sich als Frau in einen Mann verliebt, der sie für einen Jungen hält.
Das drehte die Schraube der Geschlechterverwirrung im Stück noch eins weiter, und Michael Thalheimer nimmt das alte Spiel auf für den Saisonstart des Deutschen Theaters, der wegen Renovierungsarbeiten im Großen Haus in einem Zelt auf dem Vorplatz stattfand. Es hätte eine reizvolle Reflektion daraus werden können: über die Doppelbödigkeit allen Sprechens vor der Folie der Geschlechterzugehörigkeit. Über die Konstruktion von Geschlecht. Vielleicht sogar darüber, dass die Liebe ...
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Weit entfernt in der Dämmerung tapern Figuren übers brache Land, kommen zueinander und verlassen sich, kaum erkennbar erschlägt da wer wen, andere haben Sex (sieht nicht einvernehmlich aus), hier und da meint man, den Faden einer brutalen, aber völlig stummen Geschichte in die Hand zu bekommen, greift daneben oder hält ihn kurz, bevor er durch die Finger rutscht...
Zu Tisch! Nach Michael Thalheimer und Tilmann Köhler (s. TH 05/08 und 07/08) stellt auch Thomas Ostermeier seinen «Hamlet» vor. Der dänische Prinz mit dem Entscheidungsproblem – Gerechtigkeit für den Vater oder Nachsicht für die ehebrecherische Mutter – wird in den engsten Familienkreis verwiesen. Sechs Schauspieler teilen sich die Rollen und verhandeln das Stück...
Franz Wille «Der Stein» ist ein weiter Wurf und ziemlicher Brocken: ein deutsches Geschichtsdrama des 20. Jahrhunderts, zumindest der letzten zwei Drittel. Es setzt 1935 ein, und die letzte Station spielt 1993. So etwas hat zumindest seit Heiner Müllers «Wolokolamsker Chaussee» niemand mehr versucht. Wie schreibt man Geschichte?
Marius von Mayenburg Für mich war...
