Kriterien und Quoten
Wer schon einmal in einer Jury saß, der weiß, dass es das klare, unschuldige, ausschließlich auf Qualitätskriterien beruhende Urteil nicht gibt.
Der weiß, dass ein Urteil immer auch heißt, gut eingespielte Kriterien zu hinterfragen: Ist der eigene Kompass noch korrekt? Steht einem Geschmäcklerisches im Weg, persönliche Vorlieben, Erfahrungen? Ist man womöglich betriebsblind? Man muss sich fragen: Wäre es angebracht, an der einen oder anderen Stelle ein paar Schritte zurückzutreten und die eigenen Kriterien neu zu justieren? Auf der Folie einer Quotierung vielleicht?
In diesem Sinne kann man der diesjährigen Theatertreffen-Jury kaum einen Vorwurf machen. Sie hat unterschiedliche Quoten mehr oder weniger erfüllt, hat mit Leipzig eine ostdeutsche Bühne aufgenommen, mit Mainz und Bern die Provinz berücksichtigt, mit Milo Rau und Forced Entertainment die Freie Szene. Alles verdient, alles sehr gut. Aber eine Quote hat sie nicht berücksichtigt: die Frauenquote.
Kann das sein, dass von zehn eingeladenen Inszenierungen gerade einmal eine einzige von einer Frau verantwortet wurde: Claudia Bauers «89/90» aus Leipzig? Ganz sicher, dass so viel anderes einfach nicht gut genug war? Katie ...
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Theater heute Mai 2017
Rubrik: Theatertreffen 2017, Seite 11
von Falk Schreiber
«Horchen Se, wie det knackt, wie Putz hinter de Tapete runterjeschoddert kommt! Allens is hier morsch! Allens faulet Holz! Allens unterminiert, von Unjeziefer, von Ratten und Mäuse zerfressen! Allens schwankt! Allens kann jeden Oochenblick bis in Keller durchbrechen.» Was Gerhart Hauptmann in seinen «Ratten» (1911) beschreibt, ist nicht nur der Zustand eines...
Der Flüchtling ist meist Objekt. Ein Problem, das gelöst werden muss. Eine Zahl. Ein Kostenpunkt. Ein Punkt. Nie ein Komma. Weil er nicht mehr wegzudenken ist, muss er Ding bleiben. Es gibt ein Leben nach der Flucht. Doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang. Unabhängig von den jeweiligen individuellen Prägungen, von Schuld, Bewusstsein, Absicht, Sehnsucht. Der...
TH: Claudia Bauer, es war gar nicht so einfach, Sie für unser Gespräch zu erwischen. Am Freitag haben Sie in Leipzig Premiere, am Montag darauf ist Bauprobe in Graz, und am Dienstag beginnen die Proben für das nächste Stück in Basel. Schaffen Sie es eigentlich zwischendurch zum Theatertreffen?
Claudia Bauer: Doch, aber die Planung war nicht einfach, weil Basel auch...
