Klischee und Schmonzette
Eigentlich hatte die Inszenierung bei mir im Vorfeld schon gewonnen! Der Wirtschafts- und Finanzcrash bringt ja zurzeit geballte Krisenfolklore über das Theater: Überall strampeln wackere, redliche «kleine Leute» in existenzieller Verzweiflung gegen skrupellose Zigarren-Kapitalisten und/oder Pokerface-Banker an, was naturgemäß den Vorteil hat, dass sich neunzig Prozent des Parketts gerührt zurücklehnen können, weil sie weder der einen noch der anderen Gruppe angehören, für die «kleinen Leute» aber seit jeher eine große Fernsympathie hegen.
Und dann vergegenwärtigt Karin Beier Ettore Scolas Prekariatsfilm «Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen» von 1976, lässt die «kleinen Leute» nicht etwa wacker – und schon gar nicht redlich – strampeln, sondern für Cent-Beträge ihre Nächsten krankenhausreif schlagen, vergewaltigen oder Giftmordanschläge verüben, und nennt das Ganze im Untertitel «Eine bemerkenswert mitleidlose Komödie». Da die Schauspieler ausdrücklich in einer formalen Setzung – nämlich einem verglasten Container – stecken, sind unreflektierte Repräsentationsanmaßungen eigentlich nicht zu befürchten: Die Menschenzoo-Installation spielt den Deutungsball ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2010
Rubrik: Die Inszenierung des Jahres, Seite 127
von Christine Wahl
Es ist noch nicht so lange her, da ging man in diesem Outfit eher auf ein Brian-Adams-Konzert. In Karohemd und enger Jeans. Auf Du-und-Du mit dem ehrlichen Rocker. «In the Summer of ’69» (anno 1984). Und jetzt ist das das Outfit für die Volksbühne, für Fabian Hinrichs zumindest. Noch ein Handshake im Saal mit Christoph Schlingensief vor der Premiere, ein Hallo zum...
Sie sind unter uns. Und es sind viele. Sie sehen aus wie wir. Aber sie haben niemals eine Sinfonie gehört, ein Gedicht auswendig gelernt oder ein Theater besucht. Sie schauen fern und freuen sich, wenn in den Nachmittagstalkshows Leute auftreten, die noch blöder sind als sie. Dann fühlen sie sich überlegen und einen Moment lang herausgehoben aus ihrem Alltag aus...
Einer der erstaunlichsten von vielen erstaunlichen Sätzen, die Nis-Momme Stockmann an diesem Vormittag sagt, setzt er gleich an den Anfang eines langen Gesprächs. Wir sitzen auf dem Treppenhausdach einer ehemaligen Schule, die Stockmann vor einigen Jahren mit besetzt und als konzeptioneller Leiter in ein Kunstzentrum umgewandelt hat, auf zwei weißen globalisierten...
