Klassischer Dreisprung

Die beiden Berliner Renommierbühnen, Deutsches Theater und Berliner Ensemble, eröffnen mit zweimal Shakespeare und Goethes «Faust II»: Inszenierungen von Tina Lanik, Robert Wilson und Michael Thalheimer

Theater heute - Logo

Ulrich Matthes, der den Shylock in der «Kaufmann von Venedig»-Inszenierung des Deutschen Theaters spielt, hat, so mein Eindruck, sorgfältig überlegt, klug durchdacht und hart daran gearbeitet, wie man der heiklen und alle Kräfte und Künste herausfordernden Rolle des jüdischen Geldverleihers beikommt, den seine «christlichen» Konkurrenten, die venezianischen Kaufleute, Übersee-Händler verachten und demütigen, obwohl – oder weil – sie ihn, sein Geld, brauchen.

Wie tritt er seinem Demütiger und Verächter, dem leichtfertig-wagemutigen Antonio entgegen, überlegt und zurückhassend zugleich?

Matthes als Shylock tritt unter die mehr gangster- als börsianerhafte, Zigarren rauchende kurzgeschorene Meute der anderen (sie sind in dieser Inszenierung nicht mehr als rohe, rüpelhafte Umrisse) im hellen Licht die Mitte der Bühne behauptend; ein sorgfältig seriös gekleideter Herr in korrektem schwarzen Anzug und Hut mit blütenweißem Hemd und schwarzer Krawatte. 

Vorerst argumentiert er behutsam, aber deutlich akzentuiert, ob denn nicht auch ein Jude Rechte habe und blute, wenn man ihn steche, ehe er schneidend und donnernd Rache ruft und mit finsterem Nachdruck droht, dass er die Bosheit, die die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2005
Rubrik: Starts, Seite 16
von Henning Rischbieter

Vergriffen
Weitere Beiträge
Der Karneval geht weiter

Barbara Burckhardt Der Held ihres Theaterstücks «Orpheus, Illegal», Stanislaw Perfetzki, ein reisender Dichter und politischer Aktivist, scheint nicht nur Ihr Alter Ego zu sein, er ist auch identisch mit dem Protagonisten Ihres dritten Romans von 1996, «Perversion», der ebenfalls nach Venedig reist, einen Kongress besucht und sich in eine schöne Ada verliebt....

Der Mann aus Marmor

Der Herold des Tragischen hat’s heute so schwer wie der Prophet schon immer. Keiner will ihm zuhören. Das geht so nicht mehr, murmeln die Leute, führen Sprachzweifel und Formerwägungen ins Feld oder verschanzen sich gleich ganz hinter Gelächter. Das alles muss er hinnehmen. Sage aber keiner, dass Botho Strauß seine Pappenheimer deswegen nicht kennt, verwünsche er...

Von Neumannflasche bis Goebbelsschnauze

In «Lob der Blindheit», dem zentralen Text seines Buches «Rundfunk als Hörkunst», polemisierte der Film- und Radiotheoretiker Rudolf Arnheim schon 1936 gegen jenen «unausstehlichen Typ von Kunstgenießer», der ein Kunstwerk danach beurteilt, wie stark es seine «Fantasie» anrege. Man habe sich streng daran zu halten, was vom Künstler geboten werde, und keinesfalls...