Kampf um die Kunst
Die drei Künstlerfiguren, um die herum sich nacheinander die Kulturkämpfe von Thomas Melles «Ode» entfalten, sind eines schon mal nicht oder zumindest nicht in reinster Form: weiße, heterosexuelle Normalmänner aus dem Bürgertum. Die Konzeptkünstlerin und Direktorin der Kunstakademie Anne Fratzer, die die Öffentlichkeit mit einer unsichtbaren Luft-Skulptur unter dem Titel «Ode an die alten Täter» brüskiert und sich später das Leben nimmt, entstammt einem Gewaltverbrechen und lebt in einer lesbischen Partnerschaft.
Der politisch links stehende Theatermacher Orlando, der fünf Jahre später an sie erinnern will, ist Sohn einer migrantischen Putzfrau und war einmal Unterschicht. Noch einmal Jahre später hat die geschlechtlich non-binäre Performer*in Präzisa ihren abschließenden Auftritt. Sie alle haben bei genauerer Betrachtung mindestens eine lindenblattartige Markierung, die sie verletzlich und potenziell diskriminierbar macht, aus der sie aber auch ihre künstlerische Kraft und Fantasie beziehen.
Einen nach der anderen schickt Thomas Melle in eine wortgewandte Schlacht um die Freiheit der Kunst. An ihr sägen in «Ode» zwei Gruppen, die jeweils unbenannte Stimmen bündeln: Zum einen ...
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Theater heute Februar 2020
Rubrik: Neue Stücke, Seite 27
von Eva Behrendt
Es gibt in Wien eine wenig schmeichelhafte Zuschreibung, die in der Szene jeder kennt: Am Burgtheater arbeitet man, am Volkstheater macht man Pausen und hält die Tarifverträge ein. Das chronisch unterdotierte und personell unterbesetzte Volkstheater ist das Sorgenkind der ansonsten reichen Theaterstadt: Es gleicht von der Architektur und Größe dem Hamburger...
Am letzten Abend ihres vierwöchigen Versuchs, die Welt handelnd neu zu denken, öffneten Stefanie Wenner und Thorsten Eibeler von apparatus noch einmal die Pforten des Heizhauses in den Berliner Uferstudios. Kein reiner Zufall, dass sich das Projekt «Ferment:Mutterkorn» gerade hier ereignete, wo früher fossile Energie erzeugt wurde. Jetzt ging es um nachhaltigere...
In Großbritannien hatten im Herbst die ganz simplen politischen Narrative Hochkonjunktur. Auch im Theater ging es in der ersten Saisonhälfte um Storytelling. Aber anders. (Szene aus «Fairview» im Young Vic/London)
Bastian Reiber ist einer der vollmechanischen Gummimenschen im Schauspieluniversum von Herbert Fritsch. Aber er kann auch ganz anders.
Ein...
