Innige Sünder, edle Prinzipienreiter
«Rosmersholm» wird auf ewig mit einem endlos bunten Strickschal verknüpft bleiben. Dieses bedeutsame Requisit, an dessen offenem Ende die Rebekka West von Angela Winkler während der ganzen Aufführung emsig weiterstrickte, stand im Zentrum von Peter Zadeks bis zur Zermürbung betulicher Ibsen-Inszenierung 2001. Und jetzt, zehn Jahre später auf der Volksbühne: wieder ein Strickschal! Allerdings eierschalfarben und, wie sich herausstellt, völlig verwaist auf einem Sessel in Rampennähe endgelagert.
Eine Verbeugung vor dem toten Meister?
Zur Erinnerung: Der Thrill der Zadek-Inszenierung bestand vor allem im fortgeschrittenen Alter der Schauspieler. Der damals 60-jährige Gert Voss und die kaum jüngere Angela Winkler bildeten das ergraute Liebesduo, dessen mörderische Rücksichtslosigkeit geradezu frivol wirkte. Verglichen damit ist es Leander Haußmann, der sich nach längerer Theaterabstinenz über «Rosmersholm» beugt, mit Ibsens Psychokrimi bitter ernst. Einerseits will er die Liebe zwischen dem frisch verwitweten Rosmer (Peter Lohmeyer) und der gebildeten Rebekka (Annika Kuhl) als rein und unbedingt darstellen: Leonard Cohen, der abgefuckte Romantiker, liefert dazu mit dem Erotiksäusler ...
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Theater heute November 2011
Rubrik: CHRONIK, Seite 48
von Eva Behrendt
Neulich hat ein Wiener Philosoph wieder eine Kulturrevolution ausgemacht. Seit Mitte der Neunziger beobachtet Robert Pfaller einen öffentlichen «Beleuchtungswechsel». Dabei geht es um die ziemlich zentrale Frage, «wofür es sich zu leben lohnt», und vor allem um bedeutende Verschiebungen, was die allgemein akzeptierten Antworten betrifft: «Objekte und Praktiken wie...
Manche Sätze gehen einfach nicht auf Deutsch. Es sei denn, man hat schon ein halbes Bühnenleben hinter sich und kann sie derart tief empfunden vor sich hin näseln wie Peter René Lüdicke: «Was du dir eingelöffelt hast, das musst du auch wieder aussuppen.» Der ergraute Narr schaut seitlich über seine Schulter auf Susanne Böwe, die als seine Mutter Ekdahl mit kantigem...
Was will er denn?, fragt sich nicht nur der junge Staranwalt, der diesen Aaron verteidigen soll. Eigentlich sitzt der antriebsarme Bursche daheim bei Papa und Mama ja wie eine Made im Speck, warum also hat er sich als Ort seiner Sitzblockade jetzt ausgerechnet eine Gefängniszelle ausgesucht? Gönnt der junge Mann sich gerade die erste Lebenskrise, oder weiß er noch...
