In Zeiten der Enteigentlichung
Vier Tage nach der Saisoneröffnung im Deutschen Theater Berlin wurde rund um die Hauptstadt in Brandenburg gewählt. Und, oh Schreck, die ziemlich neue nationalkonservative Partei mit dem kraftvollen Namen «Alternative für Deutschland» wilderte für ihre 12 Prozent nicht nur kräftig in der Stammwählerschaft der CDU, sie bediente sich auch bei sämtlichen anderen Parteien, einschließlich der Linken. Lechts und rinks konnten die 49 Prozent der Wahlberechtigten, die sich überhaupt zu diesem Wahlgang aufraffen mochten, wohl nicht mehr so ganz unterscheiden.
«Was war denn gleich noch mal links?», hatte zweifelnd beim Premierenabend von Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Sternheim-Bearbeitung «Tabula rasa – Gruppentanz und Klassenkampf» auch Jörg Pose aus der ersten Reihe gefragt und ein paar zaghafte Vorschläge gemacht: «Lange Haare? Haschisch? Minirock?» Die große ideologische Verwirrung der Jetztzeit hatte Carl Sternheim schon 1919 konstatiert. Da lag der erste große Sündenfall der Sozialdemokratie gerade fünf Jahre zurück, die Zustimmung zum Kriegseinsatz.
Laute Wasser, nicht sehr tief
Kühnel/Kuttner bedienen sich des 100 Jahre alten Textes für ein grundsätzliches SPD-Bashing quer durch die ...
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Theater heute November 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 13
von Barbara Burckhardt
Vor einigen Jahren, ich war Dramaturg am Schauspielhaus Bochum, später in Zürich, wurde mir das deutschsprachige Produktionssystem unheimlich, weil seine Begriffe, mit denen ich aufgewachsen bin und auch gewohnheitsmäßig umging, nicht mehr zu erfassen schienen, was da plötzlich entstanden ist in den späten 90ern und frischen Nullerjahren des neuen Milleniums....
Es ist die nämliche Atmosphäre von Biedersinn und Bedrückung, von Wiederaufbaustolz, Verdrängung und versäumter psychischer Trümmer-Beseitigung, die auch Sönke Wortmanns «Das Wunder von Bern» nachzeichnet. Bei Wortmann geht es, ganz banal, um die Fußball-WM 1954, in Giulio Ricciarellis Film «Im Labyrinth des Schweigens», der wenige Jahre später spielt, um die...
Lang, sehr lang war ich überzeugt gewesen, die DDR, die Wende und deren Nachwehen seien mein Thema. Dann, seit ein paar Jahren, habe ich geglaubt, ich hätte mich davon gelöst; und es ist wohl auch kein Zufall, dass ich in der Schweiz wohne, und nicht mehr in meiner Geburtsstadt Leipzig. Das ist nicht meine Geschichte, dachte ich mir. Mehr noch: Die DDR ist...
