In der Pathosdestille
Mit Destillaten ist es so eine Sache. Die Verknappung und Verdichtung aufs Wesentliche, aufs gewissermaßen Hochprozentige, die der Begriff zu versprechen scheint, ist leichter angesagt als getan. Helmut Krausser nennt seinen dramatischen «Gesang vom Untergang Burgunds» ein «Nibelungendestillat» und zitiert als Motto auch gleich noch Heidegger: «Die Sprache ist die Sage als die Zeige.» Das ist kühn.
Denn sprachlich bietet diese x-te Version des wohlbekannten Nibelungenstoffs einiges auf, vom blanken Kalauer («Du solltest deine Seele nicht so offen herumliegen lassen») bis zur scheußlichen Modephrase («in keinster Weise»), aber kaum die Strenge und Sperrigkeit, die ausgerechnet die Heidegger-Reverenz erwarten lässt.
Krausser stellt den finsteren Hagen von Tronje in den Mittelpunkt seiner Bearbeitung: Der hält sich Volker von Alzey als seinen Leibsänger und möchte in dessen Liedern als Untergangsvisionär verewigt werden. Kriemhild dagegen besitzt eine Truhe, die «die ungeschriebenen Lieder ihres ungeborenen Sohnes» enthält. Diese Truhe lässt Hagen verschwinden. Indem Krausser den Nibelungenhort durch einen Liedschatz ersetzt, zeigt er, worauf es ihm ankommt: Wer die Mythenbildung ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wäre das Fernsehen eine überregionale Tageszeitung, wäre die «Kulturzeit» das Feuilleton. Jenes Zeitungsbuch also, das der kulturbeflissene Leser schlechterdings nicht ignorieren, wohl aber sorgsam gefaltet für eine spätere Musestunde zur Seite legen kann. Genau da fängt das Problem für die «Kulturzeit» an: Das Fernsehen mag mit seinen verschiedenen...
Erhard Friedrich war nicht nur ein erfolgreicher, er war auch ein leidenschaftlicher und immer wieder zu neuen Zeitschriftengründungen geneigter und verführbarer Verleger. Nicht immer hielt seine Risikobereitschaft die Waage mit der kühlen und penibel abwägenden Unternehmervernunft. Aber in entscheidenden Momenten kamen, und das erst macht den bedeutenden Verleger,...
Corinna Harfouch hat bereits einige der sperrigsten Frauenfiguren gespielt, die die deutsche Geschichte hergibt: Eva Braun auf der Bühne, Magda Goebbels und Vera Brühne im Film. In Dagmar Knöpfels «Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern» spielt sie nun zur Abwechslung eine tschechische Dichterin des 19. Jahrhunderts, aber man erkennt sofort, warum Frau...
