Improvisierte Identitäten

Niki Orfanou «Lucas and Time»

Theater heute - Logo

Wer ist Lucas? Diese Frage ist der rote Faden, der durch die sieben Szenen des Stücks führt – ohne jedoch jemals abschließend beantwortet zu werden. Lucas ist vor allem eine Leerstelle, die die Figuren beschwören und mit ihrer Sprache umkreisen, die sie aber nie füllen können.

Er personifiziert das Paradox einer gleichzeitigen Anwesenheit und Abwesenheit, welches das Theater als solches charakterisiert und das die Autorin auf das Leben selbst ausweitet: Für sie sind Identitäten nicht unveränderliche Wahrheiten, sondern Möglichkeiten, die sich in einem ständigen Prozess von Schaffen und Vergehen befinden. Dies korrespondiert mit dem aktuellen Erkenntnisstand zum Wesen der Erinnerung: Wir erzählen uns täglich selbst neu, jeweils nach den Anforderungen der aktuellen Situation.

Im Stück ist nicht nur die Identität des abwesenden Lucas bewusst offen gehalten, sondern auch die der beiden Frauen, denen wir auf der Bühne begegnen. In jeder Szene schlüpfen sie in die Haut verschiedener weiblicher Charaktere von ganz unterschiedlichem Alter und Disposition. Sie erzählen über ein Picknick mit Lucas, ihrem Geliebten, erinnern sich an Lucas, ihren kleinen Bruder, und wie er wie im Märchen von ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 175
von Jens Peters

Weitere Beiträge
Biologische Uhren und Turbokapitalismus

Und wenn ich mich trotzdem vermehren will? Sie hat die Schnauze voll von scheiternden Beziehungen und den endlosen Was-wäre-wenn-Gesprächen und Selbstbefragungen, die irgendwann einmal zu der Zeugung eines gemeinsamen Kindes führen könnten. Sie entscheidet sich, eigenständig zu handeln.

Und trifft auf den Arzt, einen erfolgreichen Reproduktionsmediziner, der legale...

Die Gruppentherapeutin

Bei Shermin Langhoff hängt ein Kunstwerk von Silvina Der-Meguerditchian, auf dem steht «Dert var gelir geçer, dert var deler gider» – es gibt Sorgen, die kommen und gehen, und es gibt Sorgen, die kommen, hinterlassen ein Loch und gehen dann. Diese Löcher untersucht Yael Ronen in ihren Stücken. 

Das tut sie wie eine Therapeutin, eine Schamanin, eine Vermittlerin zur...

«Das war noch nicht der Schlussblack!»

An fahrbaren Infusionsständern trippeln und schlurfen ein paar alte weiße Männer. Erinnerungsfetzen liegen in der Luft. Ein überlebensgroßer schwarzer Mistkäfer tritt auf und rollt eine Dungkugel hinter sich her. Der Käfer gehört zum Unterhaltungsprogramm, sein Gesang handelt vom Kreislauf des Lebens. Die Pflegerin, die den Käfer gespielt hat, zieht ihr Kostüm aus...