Hut ab vor dem Einzelfall
Im letzten Bild von «Onkel Wanja», Jürgen Goschs Tschechow-Inszenierung am Deutschen Theater, sitzt Ulrich Matthes’ ausgemergelter Wanja zerstört auf der Lehmbank. Das Licht ist schon ziemlich tief gerutscht im mit Erde bestrichenen Bühnenkasten von Johannes Schütz und wirft lange Schatten, als ginge der Sonne nach einem anstrengenden Tag die Puste aus.
Gerade ist die letzte unerwiderte Liebe des alternden Junggesellen ausgezogen, die Zukunft schnurrt in schrecklicher Perspektivlosigkeit zu einem kläglichen Rest zusammen, und nichts klingt hoffnungsloser als Sonjas Versuch, den Onkel aufs Jenseits zu vertrösten: «Wir werden glücklich sein!» Da laufen Tränen über Matthes’ Gesicht, bevor es mit offenem Mund und dunklen Augenhöhlen zur Totenmaske erstarrt.
Spätestens an dieser Stelle weiß man: Treffer! Jedenfalls, wenn man, wie ich, Trüffelschwein ist. Als solches sucht man im Auftrag des Berliner Theatertreffens nach den zehn bemerkenswertesten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum. Zuvor habe ich als Jurorin für das freie Theaterfestival «Impulse» und die Fördermittelvergabe für Berliner freie Gruppen fünf Jahre lang viele Abende in Off-Theater-Vorstellungen verbracht. Theoretisch ...
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Die Urszene? Vielleicht diese (schwarz-weiß): ein kleines Mädchen auf einem Schulhof, Hamburg, späte 40er Jahre. Zöpfe wahrscheinlich, ein klares, norddeutsches Gesicht, blaue Augen, breite Wangenknochen. Die Nase blutet. Sie hat sich geprügelt, und ist doch eigentlich ein liebes Mädchen, geprügelt um eine Rolle, die erste ihres Lebens: Hauptvögelchen in «Hüang und...
Langweilig ist es nicht in Johannes Leppers letztem Intendantenjahr am Theater Oberhausen. Thirza Bruncken hat eine völlig durchgeknallte Version von Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» inszeniert, und der leise, behutsame Valentin Jeker verabschiedet sich mit einem atmosphärisch stimmigen «Kaufmann von Venedig» vielleicht ganz aus dem Theatergeschäft. Auch Lepper...
Ich wiederhole mich nur ungern, aber mir fehlt in der Auswahl des Theatertreffens auch in diesem Jahr eine Peter-Handke-Inszenierung von Friederike Heller. 2007 war die Wiederentdeckung der alten Kapitalismuskomödie «Die Unvernünftigen sterben aus» übergangen worden, jetzt hat man eine Inszenierung von Handkes jüngstem Drama «Spuren der Verirrten» ignoriert, die...
