(Hör-)Bücher für den Weihnachtstisch:
Ein Küken ist in die Jauchegrube gefallen. Der ganze Bauernhof versammelt sich, setzt Gott und die Welt in Bewegung, um das winzige Wesen zu bergen – und um es, kaum dass es dem Tod entrissen und gesäubert ist, zart in Butter zu braten und zu verspeisen. Ja so san’s, die bayerischen Bauern: herzensgut und saubrutal.
Josef Bierbichler, der diese kleine gemeine Epsiode genüsslich auserzählt und neben vielen anderen größeren, gewaltigeren in seinen großartigen Familien- und Jahrhundertroman «Mittelreich» eingewoben hat, ist in der Hörbuchausgabe auch der Leser seines eigenen Werkes.
Wer Stimme und Habitus des Gastronomen, Landwirts und Künstlers von Film oder Bühne her kennt, hat schon bei der Lektüre den Bierbichlersound im Ohr gehabt. Und tatsächlich liest er sein ungeheuer saftiges, witziges, düsteres, tragisches und musikalisches Buch zwar mit unüberhöhrbarer Dialektfärbung aus gerollten Rs, aufgerauten Chs und abgedunkelten Vokalen, aber auch mit einer staubtrockenen Sachlichkeit, die erst gar keine Gemütlichkeit aufkommen lassen will. Eine Leseperformance mit Pokerface.
«Mittelreich» erzählt von drei Generationen einer (mittel-)reichen Bauernfamilie, deren wertvoller Grund und ...
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Theater heute Dezember 2011
Rubrik: MAGAZIN, Seite 58
von Eva Behrendt
Dieser Klytaimestra ist jeder Zweifel fremd. Wenn Susann Thiede mit frisch bürolackierten Fingernägeln und dem Charme einer Politkommissarin ihren Gattenmord rechtfertigt, müsste jedes Hinrichtungskommando vor Schreck die Waffen strecken. Nicht so Orest, bei Arndt Wille ein ebenso blass verschreckter wie augenrollend erleuchteter Vaterrächer, der sein Schwert...
Stellen Sie sich vor, das Theater und die Erde wären kleine Punkte auf einem Luftballon in der Hand einer quietschfrechen Göre. Ballon platzt, Mädchen kreischt – der Weltuntergang wäre eine göttliche Wonne. Mit dieser Pointe beginnt die Regieassistentin Antje Schupp den «Großen Marsch». Das ist bemerkenswert frisch. Erstens, weil der im Schwarzwald aufgewachsene...
Wer mit Schnitzlers «Das weite Land» von 1911 seine Intendanz eröffnet, muss einen guten Grund haben. Sucht Martin Kusej in München ein bisschen Seelengetümmel aus dem Sommerleben saturierter Wiener Bürger der Gründerzeit? Eine Portion Beobachtungspsychologie aus dem gerade noch vorfreudianischen Zeitalter? Ein halbes Dutzend melancholische Kaffeehaus-Sottisen...
