Hannover: Symbolbehausungen
Mit einem Dräuen hebt es an; eine Tür knarrt, eine Fliege surrt, dann bebt ein Signal, wie aus einem Nebelhorn in die Luft gebohrt. Die Töne kommen aus den unteren Stockwerken des Hauses, aus denen die dreiköpfige Bürgerfamilie samt Dienstmädchen Cruche gerade geflohen ist und weiter fliehen wird. Immer höher hinauf, bis ins Dachgeschoss, wo der Platz eng wird. Aber das sinistere Geräusch kriecht ihnen bis in die letzten Winkel nach. «Ich habe Angst», leitmotivelt Tochter Zènobie schon früh an diesem Abend.
Das Schauspiel Hannover hat sich Boris Vians suggestive Parabel «Die Reichsgründer oder Das Schmürz» zum Saisonstart vorgenommen. Uraufgeführt 1959, kommt sie aus der Hochzeit der bissig absurden Dramatik eines Eugene Ionesco oder Harold Pinter herüber. Mit hohler Pathetik feiern sich Vians Fluchtbürger bei ihrem Aufstieg ins Nirgendwo, gängeln das Töchterchen und verhauen in regelmäßigen Übersprungshandlungen «das Schmürz», ein symbolhaftes Mullbindenwesen, das in der Ecke des Raumes kauert und so etwas wie die Verkörperung des Angst- und Wutkomplexes ist, der hinter den Leerlaufdialogen lagert. «Unser Beispiel ist in der Tat beispielhaft», solche Sätze sagen diese ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2016
Rubrik: Chronik, Seite 51
von Christian Rakow
Als Katherine Anne Porters Roman «Das Narrenschiff» 1962 erschien, wurde er in den USA als Jahrhundertwerk bejubelt und bald auf Platz 1 der Bestsellerliste geführt. In Deutschland hingegen wurde der Erfolg des Buchs schmallippig aufgenommen; Kritiker warfen der texanischen Autorin (1890–1980) antideutsche Ressentiments vor. Tatsächlich werden die meisten Deutschen...
Nach ungefähr der Hälfte von «Die Fremden»: endlich Wow! Johan Simons’ Inszenierung einer Bühnenfassung von Kamel Daouds Camus-Roman «Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung» dauerte schon eine knappe Stunde, und fünf Darsteller laufen um ein Orchester auf einer gewaltig ausgedehnten, an eine Vulkaninsel erinnernde, mit tiefschwarzen Kohleresten bedeckten...
2./sonntag
22.00, 3sat: Whisky mit Wodka
Spielfilm (Deutschland 2009) von
Andreas Dresen, mit Henry Hübchen, Corinna Harfouch, Fritz Marquardt, Markus Hering, Sylvester Groth u.a.
8./samstag
20.10, das Erste: Brandmal
Spielfilm (Deutschland 2015) von
Nicolai Rohde, mit Peter Lohmeyer, Lisa Maria Potthoff, Marie-Lou Sellem, Hannes Wegener, Jürgen Schornagel, Charlotte...
