Festival: Das große Auseinanderdriften
Rebekka Kricheldorfs «Fräulein Agnes» kritisiert sich mit Verve aus allen sozialen Zusammenhängen. Ibrahim Amirs «Homohalal» räumt mit allen Bessere-Menschen-Klischees im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise auf. Thomas Melles «Versetzung» zeigt, wie erstklassigem pädagogischen Personal die Wirklichkeit unter den Füßen verrutscht. In Maria Milisavljevics «Beben» geraten ein paar mitteljungen Menschen zwischen Videogame, Medienkonsum und Socialmedia die Realitätskanäle durcheinander. In Simon Stones «Hotel Strindberg» sind die Künstlerskandalnudeln des 19.
Jahrhunderts in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Ewald Palmetshofers «Vor Sonnenaufgang» geht den schleichenden Veränderungen der letzten 20 Jahre nach, in denen die Menschen unmerklich auseinanderdriften. Elfriede Jelineks «Am Königsweg» fragt, wie wir uns in den letzten 2000 Jahren im Westen so erfolgreich zu Tode siegen konnten. Und Thomas Köcks «paradies spielen» macht den globalisierungsverschärften Wohlstandsversprechen der westlichen Moderne genüsslich den Prozess. Uraufführungen aus Göttingen, Dresden, Berlin, Heidelberg, Wien, Basel, Hamburg und Mannheim bei den Mülheimer Theatertagen vom 12. Mai bis 2. Juni: ...
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Theater heute April 2018
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Franz Wille
Lifestyle-Bloggerin Maryam ist durchaus zu Kompromissen bereit. Zwar nicht, wenn es darum geht, sich die Milch für die dreijährige Tochter Delete abpumpen zu lassen, die immer noch gestillt wird. Auch nicht, wenn es um das abgelehnte Asylgesuch ihres Cousins Yousef geht, der überraschend abgeschoben werden soll. Aber an einer gutbezahlten Realityshow über...
Unmittelbar vor der Pause tanzt eine aus der Reihe: Kathleen Morgeneyer, zwei Stunden lang ein aufgekratztes Hühnchen auf der Suche nach ein bisschen Leidenschaft, nimmt sich ihren Auftritt, reißt sich den goldenen Lametta-Fummel vom Körper und tritt im roten Licht halbnackt an die Rampe, schwarze Troddeln an der Brust und tiefe Verzweiflung in der Stimme:...
Dieser Blick, überlegen, lauernd, unheimlich – dass der Kerl im Seidenanzug beruflich irgendwas mit schwarzer Magie macht, glaubt man sofort. Tartini heißt der zwielichtige Zampano aus Thomas Arzts neuem Stück «Die Anschläge von nächster Woche». Dominik Lindhorst-Apfelthaler spielt ihn in der Heidelberger Uraufführung mit einer Spur von Wahnsinn in den immer etwas...
