Ende der Illusionen
Was ist das für ein Posa? Wenn der allseits beliebte Freiheitsheld zum ersten Mal in Kamelhaarmantel und elegantem Schal die Drehbühne des Leipziger Schauspiels betritt, gleicht er einem ambitionierten Jurastudenten, dressed to succeed beim Vorstellungsgespräch in der global agierenden Kanzlei. Die heftige Umarmung seines bäuerlichen Prinzenfreunds Karlos erduldet Posa steifen Arms. Das soll der feurige Kämpfer für die unterdrückten Niederlande sein? Kalkül steht ihm im blassen Gesicht, die Intelligenz des schmalen Eigennutzes.
Es ist der spannendste Moment in Wolfgang Engels Leipziger Inszenierung des Schiller-Thrillers zum gleichnamigen Jahr, wenn dieser taktierende Ehrgeizling sich im Bewerbungsgespräch mit seinem Arbeitgeber in spe, dem spanischen König Philipp, in eine Emphase hineinredet, die er an sich selbst nicht kennt. Eben noch hatte er die gezielte Regelverletzung, die anstößige Distanzeinebnung kalkuliert benutzt, näher und näher war er dem König gerückt, auf Augenhöhe hatte er den Stuhl herangezogen, da geht es mit ihm durch: die Entstehung der politischen Leidenschaft beim Reden. Jetzt blickt er fassungslos: Es gibt danach keinen Weg zurück.
Es ist nicht der ...
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Gegen Schillers Hitze – die Kälte, gegen Schillers Höhe – die Fläche, gegen Schillers Pathos – die Beiläufigkeit, gegen Schillers Universalismus – das Private. Wogegen man aninszenieren muss, weiß man bei Schillers «Räubern» immer. Schon Schiller selbst gab in seiner Selbstrezension der Uraufführung von 1782 Ratschläge, wie man gegen sein Stück vorgehen solle: vor...
Einverständiges Raunen geht durch den Silbersee im Parkett der Repertoirevorstellung an einem Dienstagabend, wenn Lissie von der früheren Lachlust der alten Freunde erzählt: «Wahrscheinlich können wir uns heute wegen erhöhten Blutdrucks ein solch gewaltiges Gelächter gar nicht mehr leisten.»
Diese Lissie spielt Jutta Lampe, ihre Lebensfreundfeindin Insa wird von...
Symbolischer kann ein Ort nicht sein: Die Trennung von Okzident und Orient und der Versuch, sie zu überwinden, materialisiert sich kaum irgendwo einleuchtender als in der Galata-Brücke, die sich in Istanbul über das Goldene Horn spannt und das alte Istanbul mit den neuen, europäischen Stadtteilen Galata und Beyoglu verbindet. Die Brücke, die dort seit 1912 stand...
