Ein Monster der totalen Aufrichtigkeit

Johan Simons inszeniert in Bochum Shakespeares «Hamlet» mit Sandra Hüller als Drama des aufrechten Gangs

Theater heute - Logo

Hamlets längster Monolog dauert gute 25 Minuten und ist weitgehend stumm: Er kommt dabei von den ganz großen Fragen – «Was ist der Mensch?» – schnell auf seine ganz besondere Frage – «Wie steh ich da?» – und auf sein ganz spezielles Dilemma: «Der Vater umgebracht, beschmutzt die Mutter, Verstand und Blut aufs Äußerste gereizt – und rühr mich nicht.» Und dann steht Sandra Hüller tatsächlich da wie ein Schluck Wasser – blass, leicht rückengekrümmt, die Arme teilnahmslos her­abhängend – und rührt sich nicht.

Alle anderen Schauspieler gehen ab, das Publikum verschwindet in die Pause, aber Sandra Hüller steht da, sichtlich konzentriert, leicht in sich versunken, und rührt sich weiter nicht. Nach fünf Minuten holt sie geistesabwesend ein Bonbon aus der Hosentasche, schiebt es in den Mund, und bleibt unverändert wie angewurzelt stehen. Wenn es dann nach einer knappen halben Stunde weitergeht, steht Sandra Hüller immer noch regungslos an dersel­ben Stelle, spricht, sobald endlich alle wieder am Platz sind, ihren Monolog seelen­ruhig ein zweites Mal und geht erst dann ab. Spätestens nach dieser Stelle sind zwei Sachverhalte unmissverständlich geklärt: Erstens tut dieser Hamlet, was er sagt; ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Fieber, cool und heiß

Wenn zwei Frauen sich streiten, freut sich die Dritte. Claudia Bauer ist die Dritte in diesem Fall, bei dem es um Elisabeth, Königin von England, und Maria Stuart, Königin von Schottland, geht und eigentlich um die Frage, wie tief man moralisch sinken kann, wenn man die Macht hochhalten will. Zwei Konkurrentinnen bekämpfen sich da bis zum tödlichen Ende der einen –...

Hamburg: Hippies im Ural

Das Woodstock-Musikfestival vom August 1969 ist schwer zu fassen, zumal für einen Nachgeborenen. Hippie-Feier, Manifestation der US-Gegenkultur, Protest gegen den Vietnamkrieg, schon klar: «An Aquarius Exhibition – Three Days of Peace and Music». Aber Woodstock ist eben auch die Keimzelle einer durchkommerzialisierten Entertainment-Industrie, die in die Abgründe...

Regienachwuchs: «Ich bin doch selbst nur angedeutet!»

Am Ende bekommt die am wenigsten unter den Begriff «Junge Regie» fallende Arbeit den Preis der Körber Stiftung. Zwar ist Felix Krakaus «Peer Gynt» im Rahmen des Studiengangs Theaterregie an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst entstanden, gleichzeitig ist Krakaus Projekt keine klassische Stu­dienarbeit, sondern als Inszenierung für die...