Ein Mann der Möglichkeiten
Zu anderen (Theater-) Zeiten wäre er, blond und blass, hellstimmig und von kräftiger Statur, jünglingshaft noch als Fünfziger, der ideale «jugendliche Held» gewesen, Moraltrompeter und Mädchenschwarm. Mustert man die knapp fünf Jahrzehnte seines Schauspielerlebens durch – der 1932 in Hamburg geborene Beamtensohn sprang 1956 aus dem Literaturstudium und vom Studentenkabarett auf die Lübecker Bühne –, so war er oft dann am prägnantesten, wenn er dem Heldenklischee zuwider spielte.
So schrieb Michael Merschmeier über Griem als Thersites in Dieter Dorns Münchner Kammerspiel-Inszenierung von Shakespeares «Troilus und Cressida» 1986: «Selten war Helmut Griem besser, weiter entfernt auch von der Erwartung, die sich mit ihm als Schauspieler verbindet; gleichsam als Selbstzitat des älter gewordenen edlen Jünglings spricht er den Prolog, stimmt ein auf eine andere, konventionellere Aufführung als die Dieter Dorns; und springt dann in die Rolle des geifernden, klug-gesichtigen Thersites, ein bis zum Knie Amputierter hier, der auf einem Rollenbrett und seinen Stümpfen durch die Geschlechtsgefechte und über die blutigeren Schlachtfelder witscht und wieselt, schnell und klein genug, um nicht ...
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