Ein Himmelfahrtskommando
Die Sowjetunion ist für Darja und mich in erster Linie die Familie.» Ungefähr nach vier Stunden spricht Niza Jaschi (Lisa Hagmeister) diesen Satz über sich und ihre Schwester (Franziska Hartmann). Ein zentraler Satz in Jette Steckels Uraufführungsinszenierung von Nino Haratischwilis «Das achte Leben (für Brilka)» am Hamburger Thalia – weil die Passage das narrative Programm Haratischwilis auf den Punkt bringt, Familiengeschichte mit sowjetischer Geschichte parallel zu führen.
Und weil die Passage einen Bruch in der Inszenierung darstellt, indem sie Körper und Text auseinanderfallen lässt: Hagmeister und Hartmann sprechen, während sie Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüften kreisen lassen. Die Schauspielerinnen sind angestrengt, sie konzentrieren sich darauf, dass die Reifen nicht zu Boden fallen, sie sprechen mechanisch. «Die Sowjetunion: Das sind unsere Freunde. Unsere Straßen. Unsere Höfe. Unsere Parks. Unsere Spiele. Unsere Vergangenheit. Und selbstverständlich unsere Zukunft», keucht Hagmeisters Niza. «Die Sowjetunion ist ein Privileg, das wir beide, Daria und ich, lange genug genießen, weil wir den Nachnamen unseres Großvaters tragen.»
«Das achte Leben (für Brilka)», im Herbst 2014 ...
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Theater heute Juni 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Falk Schreiber
Missmutig drückt sich Iwanow – ein in jeder Hinsicht blasser Mittvierziger mit blöndlichem Seitenscheitel – an der heimischen Küchenzeile entlang. Seine Frau Anna Petrowna hantiert wacker lächelnd mit Obst, Gemüse und Abendbrotschüsseln und ginge locker als personifizierte Ikea-Küchen-Idylle durch, wenn ihr Kopftuch und die Strickjacke, in die sie sich mit großer...
Die Textgrundlage für die hier abgedruckte Tragödie «Niemand» von Ödön von Horváth ist ein
hektographiertes Typoskript, das der Berliner Verlag «Die Schmiede» 1924 als Bühnenmanuskript hergestellt hat.
Das Typoskript, das sich im Besitz der Wienbibliothek im Rathaus befindet (ZPH 1666), ist der
einzige bekannte Textzeuge dieses Werks.
Der vorliegende Abdruck von...
«Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben.» Der Spruch prangte schon am Eingang zu Kay Voges’ «Borderline Prozession». Nun hat er seinen angemessenen Platz gefunden auf der Übertitelungsschiene zu seiner Inszenierung von «Einstein on the Beach». Philip Glass und Robert Wilson waren sich 1976 darin einig, dass Kunst keine Erzählung irgendeiner Geschichte...
