Dunkle Räume

Über das Schreiben ohne Hand am Geländer, die leere Worthülse Identität, ein Leben zwischen Sprachen und der Frage, welcher Stoff zu einem gehört: eine Mainzer Poetik-Vorlesung

Theater heute - Logo

Darkroom 1: Dunkelheit

Ich bin noch nie in einem Darkroom gewesen, dachte ich jedenfalls, bis ich einer Diskussion in einem Berliner Theater zuhörte. Einer der Teilnehmenden auf dem Podium schilderte seine Erfahrungen in queeren Sexräumen, und je mehr er erzählte, desto klarer wurde mir, dass ich die längste Zeit meines Erwachsenenlebens genau dort verbracht hatte.

 

Anfangs, so beschrieb der Mann, spürt man die Anspannung in den Knochen, dieses leise Vibrieren des inneren Basses, etwas schwappt in einem hin und her, als wäre man ein Wassergefäß auf unsicherem Grund. Man wird unkonzentriert, zerstreut in Gesprächen, man schweift ab und erwischt sich bei Fragen, die aus dem Zusammenhang gerissen zu sein scheinen: Wann habe ich das letzte Mal ihre Stimme gehört? Wie war der Geruch hinter ihrem Ohr? Warum frage ich mich das überhaupt?

Noch bevor man weiß, dass man einen dieser Orte aufsuchen wird, ist die Ahnung da; noch bevor man zum Smartphone greift, um eine Adresse ausfindig zu machen. Fast beiläufig trifft man Entscheidungen – man sucht sich einen bestimmten Tag aus, man wählt die Zeit, man weiß, man geht alleine. Schon am Tag davor macht man sich Gedanken über den Dresscode, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2019
Rubrik: Essay, Seite 46
von Sasha Marianna Salzmann

Weitere Beiträge
Am Rande der Denkfaulheit

Von dieser Seite droht nichts Neues. Das Festival von Avignon in seiner 73. Ausgabe zeigt geradezu exemplarisch das Debakel einer arrivierten, institutionell etablierten, selbstgefälligen Linken in Frankreich. «Il faut réinventer la gauche», werden die soziologischen Revolutionäre um Didier Eribon, Edouard Louis, Geoffroy de Lagasnerie nicht müde zu rufen: Man muss...

Hamburg: Wenn Täter Opfer rächen

Irgendwo im Tschetschenien des Jahres 1995, irgendwo in der blinden Wut des Kriegs haben General Alexander Orlow und drei Mittäter ein Dorfmädchen brutal geschändet. Diese Vergewaltigung mit Todesfolge bildet die Kernszene in dem jüngsten Roman von Nino Haratischwili. Von hier aus wirft die georgisch-stämmige Autorin ihre Erzählung weit vor und zurück, in ein...

Berlin: Ein einziger Witz

«Ich habe dieses Buch schneller als irgendein anderes geschrieben: & es ist ein einziger Witz; & doch heiter & schnell lesbar, glaube ich; Ferien eines Schriftstellers», schrieb Virginia Woolf im März 1928 in ihr Tagebuch, kurz nachdem sie «Orlando» beendet hatte. Ein einziger Witz – diese Formulierung könnte auch Katie Mitchell in ihrer Inszenierung an der...