Dritte deutsche Welt
Tränen werden beim Abschied in Halle-Neustadt nicht vergossen. Fröhlich kräht eine Gruppe Menschen «Auf Wiedersehen, Sachsen-Anhalt» und «Tschüss, Halle» in den Nachthimmel. Wer sich am Bahnhof der einstigen Chemiearbeiter-Schlafstadt aufhält, winkt zurück. Die meisten Leute hier kennen die Prozedur. Sie haben sich an den Anblick von mit Akten bestückten, manchmal auch kleine Gläschen mit Urin tragenden Petitenten gewöhnt.
Jetzt freuen sie sich mit denen, die – begleitet von zwei blau gekleideten Assistenten – aus dem Bahnhof hinaus zu einem Flugzeug streben, das sie in das Land ihrer Wünsche tragen wird. Denn diese Glücklichen haben den Trainingsparcours des «Auswärtigen Amtes» erfolgreich absolviert.
«Auswärtiges Amt» ist eine Hybride aus politischer Travestie, Theater, Intervention und Live-Rollenspiel, die von Jörg Giese und Esther Steinbrecher entwickelt und jüngst im Rahmen von «Neustaat», der vom Thalia-Theater Halle und dem Bauhaus Dessau initiierten Belebung des Bahnhofes Halle-Neustadt, durchgespielt wurde. «Auswärtiges Amt» dramatisiert die von einigen Medien konstatierte «Auswandererwelle» und stempelt den Zuschauer zum Wirtschaftsmigranten.
Es gilt ...
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So kennt man ihn. Immer mit einem Programmheft in der Hand, das er dem Gesprächspartner auf jeden Fall zusteckt. Neuerdings legt er noch einen drauf und überrascht den Premierenbesucher mit einem Sektglas und der blauen Blume der Romantik im Revers. Man darf sinnieren, ob er mit dem blauen Touch lediglich sein «Ich krieg euch alle»-Lächeln untermalen will oder...
