Dresden: Anjas Wut

Tschechow «Der Kirschgarten»

Theater heute - Logo

Keine untergehende Berufsgruppe, Partei oder Gesellschaft, die sich nicht wunderbar in der Eigentümerin des «Kirschgartens» spiegeln ließe! Zwar ist die Ranjewskaja mehr als pleite, aber eben auch reich gesegnet mit der Grundarroganz verarmter Aristokraten. Dass ihr Gut versteigert wird, steht zwar unmittelbar bevor, kann aber dessen ungeachtet eigentlich gar nicht sein. Schließlich ist der «Kirschgarten» im «Enzyklopädischen Lexikon» verzeichnet.

Und der vermeintliche Rettungsplan, den der Sozialaufsteiger Lopachin ihr da unterbreitet hat, nämlich das landschaftliche Gesamtkunstwerk zu parzellieren, mit Datschen zu bestücken und an Feriengäste zu vermieten, kann aus ihrer Sicht auch wirklich nur einem Materie-fernen Volltrottel einfallen – der das Gut am Ende natürlich erwerben und umgehend die Axt an die Baumkultur legen wird! 

Dieser Sozialkonflikt geht selbstverständlich immer auf der Bühne. Andreas Kriegenburg, der den «Kirschgarten» jetzt im Großen Haus des Staatsschauspiels Dresden in eine Art White Box gezirkelt hat, auch diesmal Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, entrückt das Geschehen in eine zeitlose Distanz mit Commedia-dell’arte-Anleihen. Die Kostüme sind ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2020
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Rauchen. Pilze essen. Brabbeln

Ach, Popmusik. Immer wieder versucht das Hamburger Thalia, deren entgrenzende Kraft fürs Theater nutzbar zu machen: Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo inszenierten hier «Hänsel und Gretel» mit Rammstein-Grand-Guignol, Stefan Pucher ein Charles-Manson-Musical namens «Summer of Hate», Jette Steckel «Romeo und Julia» mit Soap&Skin-Melancholie. Immer wieder fällt das...

Jubiläum: Heiteres Performance-Raten

Auch das postdramatische Theater ist inzwischen in die Jahre gekommen. Mit einer Tagung in der Berliner Akademie der Künste und einem Festival im Kreuzberger Hebbel am Ufer feierte das gleichnamige Buch von Hans-Thies Lehmann soeben seinen 20. Geburtstag. Und weil entsprechende Kulturtechniken im Alter ja erbarmungslos zuschlagen, wurde es bei dieser Gelegenheit...

Vorschau - Impressum (1/2020)

Musicals in New York sind in Zeiten von Donald Trump auch nicht mehr das reine Unter­haltungs­vergnügen, das sie einmal waren. Über «Hadestown» (Foto), «Dear Evan Hansen» und eine neue Art politischer Kunst

Was darf Kunst? Was heißt Repräsen­tation? Wo beginnt Diskriminierung? Ein Kunstdiskurs als neues Stück: Thomas Melles «Ode», der Stückabdruck

Sebastian...