Die Wiege der Krise
Am 22. Mai 1963 wurde der linke Oppositionspolitiker Grigoris Lambrakis in Thessaloniki auf offener Straße von einem Motorrad angefahren und getötet. Vier Jahre nach dem Attentat übernahm die Militär-Junta die Macht in Griechenland. Inzwischen herrscht längst wieder Demokratie in dem Land, das sie bekanntlich erfunden hat, viele Straßen in der Innenstadt wurden in Fußgängerzonen verwandelt, und das Motorrad ist zur allgemeinen Volkswaffe geworden.
Wer sich zu Fuß durch Athen bewegt, muss sich mindestens drei Mal täglich vor den durch die Fußgängerzonen rasenden Maschinen in Sicherheit bringen.
«Das ist die Rache der Geschichte», erhält man zur Antwort, wenn man sich über den zivilen Ungehorsam in Form motorisierten Attentatsverhaltens im griechischen Alltag beschwert. Vielleicht ist es auch einfach griechischer Humor in humorlosen Zeiten. Ein Motorrad hat dann auch einen besonderen Auftritt in der Inszenierung «Die Hinterhöfe der Wunder» am Nationaltheater Athen. Iakovos Kambanellis hat das Stück 1957 geschrieben, es gilt eigentlich als veraltet und wurde das letzte Mal vor 30 Jahren aufgeführt. Mit der Entscheidung, «Die Hinterhöfe der Wunder» auf den Spielplan zu setzen, ...
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Theater heute März 2012
Rubrik: Ausland, Seite 6
von Armin Kerber
Am Anfang war die Vorhaut, und sie war schnell weggeschnitten. Rituale haben an diesem Abend Konjunktur. Es geht um Juden, Christen, Antisemitismus und Shakespeare. Barry Kosky und seine Dramaturgin Susanne Goldberg haben den «Kaufmann von Venedig» radikal zusammengestrichen. Sie verzichten auf einen Teil der Schauplätze, Handlungsstränge und Figuren und haben dem...
Gelächter gleich in der ersten Minute. Eine Horde drolliger Insassen von irgendwas lümmelt auf Kinderstühlen, getriezt von einer ruppig-patenten Kommandeuse in Schuluniform und Pumuckl-Perücke – nicht gerade das, worauf man bei Sarah Kane gefasst ist. Und doch hat dieser mutwillig-regressive Schabernack, den Johan Simons da auf fast leerer Bühne der Münchner...
In Nürnberg gibt es einen Mann, der ununterbrochen nackt im Kreis läuft; ungefähr eine Stunde lang. Kein Feierabend-Jogger oder Wellness-Athlet, dagegen sprechen schon die wenig fußfreundlichen Militärstiefel, sein einziges Kleidungsstück. Er sieht auch nicht aus, als ob er sich um seine Gesundheit sorgt, und vom Laufen hat er keine Ahnung. Das Tempo entweder zu...
