Die Sieger der Geschichte
In der Rückbesinnung auf das individuelle Geschick fand Kantor
zu seiner künstlerischen Maxime: der «Realität des niedrigsten Ranges». Von den Anfängen im Untergrundtheater während des Zweiten Weltkrieges bis zu den Schlussproben von seiner letzten Produktion «Aujourd’hui c’est mon anniversaire» hat diese Maxime sein Schaffen bestimmt.
Das individuelle Leben ist in diesem künstlerischen Kosmos den Kreisläufen der Geschichte hilflos ausgeliefert. Die Zyklen der Wiederholung finden sogar mit dem Tod der Bühnenfiguren kein Ende.
Kantors Gestalten sterben – und setzen ihr Leben fort, als wäre nichts geschehen. Nicht einmal der Tod kann die Figuren aus dem gleichförmigen Einerlei ihres Lebens befreien. In der «Toten Klasse» stehen die Schüler wieder auf, nachdem sie von der Putzfrau (Stanislaw Rychlicki) mit der Todes-Sense umgebracht worden sind. Auch in «Wielopole, Wielopole» finden die Familienmitglieder kein Entkommen aus den Kreisläufen ihrer tragikomischen Existenz. Großmutter Katarzyna (Jan Ksiazek) will die Ebenbildpuppe des Priesters beerdigen, eine Stoffpuppe mit nachgebildetem Kopf und weißem Talar, doch nirgends findet sie dafür einen geeigneten Platz. Der Tod des ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2015
Rubrik: Theatergeschichte, Seite 24
von Klaus Dermutz
Der Titel würde auch zu einem Fantasy-Blockbuster oder einem Computerspiel passen, in dem es um archaische Gemetzel und endlose blutige Machtkämpfe geht. Doch diese «Dark Ages» gehören keinen ominösen Cyberwelten und auch keiner sagenhaften Vergangenheit an. Die dunklen Zeiten, die hier zur Debatte stehen, sind Teil unserer eigenen europäischen Realität, Gemetzel...
Ein dunkler, durchsichtiger Screen verschattet die Szene. Darauf erscheint der Stücktitel, «Jean Genet, Die Zofen», wie aufgemalt, ein schreiend weißes Schriftbild, wie es die Film-noir-Typografen der 40er liebten. Schon fährt eine subjektive Livecam auf nackte Frauenschulterblätter zu, ein grausiger Handschuh greift mordlüstern ins Bild, die Dame am Schminktisch...
So kann man Dr. Heinrich Faust auch sehen: ein adretter Herr im dunklen Anzug, grelle Blässe im Gesicht, je nach Alter mal mit, mal ohne Bart, der gerne und viel redet. Solche mittleren Universitätsangestellten sind mehr denn je verbreitet, weshalb der wortreich hadernde Herr Professor in «Faust I» gleich viermal vertreten ist und sich die Versbrocken brav...
