Die Lust an der Beinfreiheit
Trotz Zeitenwende, Klimawandel und Fahrplanwechsel, manche Dinge ändern sich nicht. Das ist in Mainz besonders wahr. Beim Landtag wählt man rot, beim Wein weiß und beim Fußball wird kombiniert. Auch im Theater schätzt man Kontinuität und hätte den Schweizer Georges Delnon wohl gern als Intendanten auf Lebenszeit verpflichtet. Der aber ist dem Ruf in die Heimat gefolgt und amtiert nun 300 Kilometer südlicher in Basel.
Nach kurzer Trauerphase und einer aufwändigen Abschiedspublikation ist man am Staatstheater Mainz unter neuer Führung zum Tagesgeschäft übergegangen.
Das Große Haus thront weiter freundlich mit seinem rotsandigen Rundbau und dem modernen Glaszylinder auf dem Gutenbergplatz. Die Stadtmitte teilt es sich mit dem Dom, der als Duzfreund gleich gegenüber liegt, während die Repräsentationsgebäude der weltlichen Macht – Landtag, Rathaus, Schloss – am Rande der Innenstadt ihr Dasein fristen. Selbst Kinos haben in der Mainzer Bannmeile um Theater und Dom keine Chance. Das Zentrum gehört der Kirche und der Bühnenkunst. Dazwischen passt höchstens noch der Karneval.
In dieser Hinsicht kann es jedenfalls nicht schaden, als neuen Steuermann der Hochkultur den gebürtigen Krefelder ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Der Neue Deutsche Spielfilm feiert seit Jahrzehnten wieder Erfolge. Sie gehen unter anderem auf eine intensive Lobbyarbeit der Medien zurück. Das ist schön und gut. Aber es ist darüber ein bisschen in den Hintergrund getreten, dass die wirklich interessanten Entwicklungen seit Jahrzehnten im deutschen Dokumentarfilm vor sich gehen. Ausgehend von den Klassikern des...
Der Verrat der Ideale und der Verrat der Liebe haben eine Wurzel und eine Konsequenz. In Godards Moravia-Verfilmung «Le Mépris» quittiert Brigitte Bardot den doppelten Betrug ihres korrumpierten Mannes (Michel Piccoli) – an ihr und ihrem Körper und an seinem Beruf als Drehbuchautor – mit Verachtung und dem Ende der zum Warentausch herabgesetzten Beziehung. Am...
Nahezu am selben Novembertag, als dieses Stück eines jungen iranischen Autors in Köln seine Uraufführung erlebte, betrat ein bis an die Zähne mit Schusswaffen und Bomben bewaffneter Achtzehnjähriger im münsterländischen Emsdetten seine ehemalige Schule, um rund 30 Personen zu verletzen und schließlich sich selbst zu töten. Ob in diesem Fall die Fiktion die...
