Die guten alten Dinge

Der Bildband «Thomas Bernhard. Hab & Gut» ist ein trügerischer Augenschmaus

Theater heute - Logo

Ein dicker, eiserner Haken in einer uralten Holzwand. Eine Handbreit daneben, gerahmt, ein altersfleckiger Stich: Trotzkopf Napoleon mit verschränkten Armen. Oder: Blick in einen alten Kleiderschrank, Biedermeier vermutlich, sorgsam ausgekleidet mit schwarz-weißem Schrankpapier. An den Innenseiten der Türen hängen, farblich sortiert, prächtige Seiden-Kravatten, auf dem Boden stehen wuchtige Lederstiefel; die passende Pflege dazu in silbernen Dosen im obersten Fach.

Dazwischen Filz- und Lodenjacken mit Hirschhornknöpfen, Stapel grüner und blauer Hemden, Ledergürtel und zwei Fächer voller Hochprozentigem: Portweine, Zwetschgenschnaps und jede Menge Cinzano. Man kann den herben Duft von Leder, Holz und einer Spur Alkohol förmlich riechen. 

Wer sich durch die schönen Foto-Essays in Thomas Bernhards «Hab & Gut» blättert, glaubt, sich in einem Manufactum-Katalog verlaufen zu haben: lauter gute, alte Dinge, die suggerieren, die Welt sei noch in Ordnung! Wo bitte, stehen die Preise zu diesen stets wohlplatzierten Filzpantoffeln, Küchentüchern und Jagdmessern? Herausgeber André Heller ist nicht der erste, den Bernhards «sorgfältig inszenierter Privatkosmos voll der Täuschungen, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Büchermagazin, Seite 45
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Leipzig: Nation als Zufallsprodukt

Deutschland ist eine unbeschriebene Landkarte, ein weißer Fleck zwischen Nichts und Nichts, ganz nah bei Detmold. Und auf diesem leeren Podest aus hellem Holz, das sich schräg nach hinten verlängert, lässt Dusan David Parizek den deutschen Urmythos Hermannsschlacht in der Kleistschen Version aufspielen. Das Figurentableau schrumpft dabei auf ein Kammerspiel...

Marianne gegen alle

Auf der Bühne vor einem projizierten Totenkopf liegen Leichensäcke neben einem frischen Kindergrab. Zwei schwarz verhüllte Gestalten machen sich an den weißen Plastikhüllen zu schaffen und murmeln: «Die Leute glauben, wenn sie sterben, wäre alles vorbei – so wär’s ja leicht, ein Mensch zu sein.» Nein, nichts ist vorbei in Karin Henkels Bochumer Inszenierung von...

Unangenehme Wahrheiten

Cornelia Koppetschs «Die Gesellschaft des Zorns» ist nicht das erste Buch, das den Rechtspopulismus erklären will. Es vermisst detailreich die sozioökonomischen Veränderungen und den kul­turellen Wertewandel, der in den letzten Jahrzehnten die westlichen liberalen Demokratien erfasst und zu den bekannten Konsequenzen geführt hat. Auch Koppetsch findet in...