Die Dialektik des Tabus Tod

Zürich

Theater heute - Logo

Noch küssen die Gatten sich, schon hat er das Kleenex in der Hinterhand, um sich die ekligen Blutspuren vom Mund abzuwischen. Bald wird sie ihm das Blut aufs makellos weiße Hemd spucken. Alkestis muss sterben, sie tut es nicht gern. Apoll hat für Admet erwirkt, dass er einen Stellvertreter zu den Toten schicken kann. Niemand hat sich dafür bereit gefunden, der greise Vater nicht und auch nicht die Mutter, die sich doch schon fortgepflanzt hat, noch nicht einmal der kinderlose Onkel. Nur Alkestis, die Gattin, nimmt es auf sich.

Und nun ist es so weit: Der unsichtbare Thanatos hetzt sein Opfer über die Bühne, eine aufgelöste Carolin Conrad, sie verrenkt sich, will den Tod verscheuchen, krümmt sich auf ihrem Stuhl, während die anderen eilig die lästigen Blutspuren weg­wischen.
 

Doch ist es damit nicht getan. Im Huis clos des Königspalasts, der (auf der Bühne von Henrike Engel) auch das Entrée eines Krematoriums sein könnte, zeigt sich der Schmutz unter der makellosen Politur erst recht. All die unterschwelligen Aggressionen, unausgesprochenen Vorwürfe, unterdrückten Emotionen, die eine sauber neurotische Familie zusammenhalten. Der Chor des griechischen Dramas ist in Zürich die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2010
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Andreas Klaeui

Vergriffen
Weitere Beiträge
«Wir sind immer noch koloniale Imperialisten»

Eva Behrendt: Frau Leysen, wenn man sich das «Theater der Welt»-Programm anschaut, das Sie kuratiert haben, fällt auf, dass die üblichen Genre­bezeichnungen gar keine Rolle mehr spielen. Sie haben sogar neue erfunden, etwa ein «Mül­heimer Gesellschaftsspiel» oder «Dokufiktionspanel» oder «Endzeitszenario-Konzert» usw. Was für eine Idee steckt dahinter – wollten Sie...

Was fehlt, ist das Jauchzen

Herfried Münklers Problemwarnung ist scheinbar zweigeteilt. Zum einen mahnt er die fehlende Eigenverantwortung durch Dezentralisierung der Demokratisierung an – ganz konkret die scheinbare Unmöglichkeit eines funktionierenden EU-Parlaments. Zweitens die Wegdelegierung des eigenen Engagements aus historisch gewachsenen demokratischen Organisationen wie Parteien und...

Alte Meister

Das Programmheft gibt sich martialisch: auf dem Umschlag eine Gruppe am Boden hingelagerter Nato-Kämpfer mit schwarzen Tarnmas­ken vor den Bergen Afghanistans, darunter knallig ohne den bestimmten Artikel der Stücktitel in Großbuchstaben: SOLDATEN. Auch die Pressestelle der Volksbühne fährt schwerste zeitkritische Kaliber auf: «Die westliche Kultur beglückt im...