Die 68er sind schuld

Braunschweig Juli Zeh «Corpus Delicti»

Theater heute - Logo

Die selbsternannten Freiheitskämpfer auf spanischen Plätzen oder am Stuttgarter Hauptbahnhof, nicht mehr zufriedenzustellen durch den Gang der Dinge unter den Bedingungen repräsentativer Demokratie, tragen dazu bei, dass Juli Zehs Revolten- und Aufruhr-Fantasie um das «Corpus Delicti» nicht mehr ganz so weit hergeholt wirkt wie bei der Uraufführung 2009.

Vielleicht standen damals auf den Flughäfen auch einfach noch nicht gar so viele Raucherkäfige herum, angesichts derer der Zeitgenosse heute die Sorge nicht los wird, dass diese Glas-Knäste für unbelehrbare Quarzer eines Tages von außen abgeschlossen und mitsamt der Insassen in irgendeiner Wüste endgelagert werden könnten … so etwa jedenfalls mag sich auch Juli Zeh den staatlichen Gesundheitsterror vorgestellt haben, der im Zentrum ihrer finstren Polit-Phantasie von übermorgen steht.

2057 herrscht in Zehs Staat «die Methode»; eine Art Grundgesetz, das Pflege und Erhaltung von Körper und Gesundheit zum Maß aller gesellschaftlichen Dinge erklärt. Deshalb trägt auch jeder einen Speicherchip in der Schulter, da, wo früher immer die Impf-Spritzen angesetzt wurden; was der so speichert, landet umgehend beim Methoden-, sprich: Verfassungs- ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2011
Rubrik: Chronik, Seite 73
von Michael Laages

Weitere Beiträge
Kreativer Nachweltbedarf

Glühlämpchen blinken, die Bodengoldfolie glitzert, der Vorhang spannt sich rot und weiß – eine breit gestreifte Beleidigung für jedes Auge, ausgenommen Freunde der Baumarktmarkise. Ein Theaterstück, das freiwillig in so einem Ambiente spielt, das kann nur schrecklich oder schrecklich lustig sein. Ausgenommen ein Stück von René Pollesch. Das ist dann schrecklich...

Wer ist Wir?

Klaus Dermutz Sie haben Anfang, Mitte der 90er Jahre einige Zeit in Deutschland gelebt und eine Prägung durch das deutsche Theater erhalten. Welche Theateraufführungen haben Sie gesehen?

Akira Takayama Eine der ersten Aufführungen, die ich in Deutschland gesehen habe, war Peter Brooks «Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte». Diese Inszenierung war...

Berlin am Meer

Das Schlimmste, was beim Aufenthalt in einem Ferienresort passieren kann, ist Dauerregen. Man sitzt in einem trostlosen Bungalow auf weißen Plastikstühlen. Statt «anspruchs­voller Entspannung in der heißen City», wie im Urlaubskatalog versprochen, fröstelt man beim Blick auf den grauen Plattenbeton der Karl-Marx-Allee, während die Wassermassen an der Fensterscheibe...