Der Terrorist in dir
Der Titel des neuen Stücks von Jonas Hassen Khemiri, «Ich rufe meine Brüder», ist doppeldeutig. Einerseits wendet sich Protagonist Amor – wie der Autor ein Schwede mit tunesischem Migrationshintergrund – zwischen den Szenen immer wieder direkt an seine «Brüder». Andererseits sind Amors Dialogpartner auf der Bühne zwar physisch anwesend, im Stück selbst aber nur per Handy mit ihm verbunden.
Das Telefondrama setzt unmittelbar nach der Explosion einer Autobombe in Stockholm ein – einen solchen Anschlag gab es 2010 tatsächlich – und umfasst nur ein paar Stunden.
Die äußere Handlung ist marginal: Amor fährt von seiner Wohnung in die Stadt, um in einem Einkaufszentrum einen kaputten Bohrkopf umzutauschen. Dabei hat er allerdings ständig sein Mobiltelefon am Ohr: fünf Szenen, fünf Telefonate. Mal ruft Amor seine Jugendfreundin Valeria an, in die er 20 Jahre lang einseitig verliebt war. Dann wieder hat er seine Oma am Apparat, obwohl die eigentlich schon tot ist.
Amor ist Student und ein netter, etwas verschrobener Typ. In der Schule etwa hat er seinen Freundinnen und Freunden chemische Elemente zugeordnet. «Camilla war Titan, weil sie so stark war, und Messer-Steve war Uran, weil er immer ...
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Theater heute Juli 2013
Rubrik: Neue Stücke, Seite 32
von Wolfgang Kralicek
Da sind wir definitiv schon leidenschaftsärmer begrüßt worden in den mehr oder weniger heiligen Theaterhallen: «Das Publikum, das Publikum, das Publikum», schnarrt ein whitegefaceter Empfangschef mit dunklem Anzug und ebensolchem Oberlippenbärtchen in Endlosschleife den Menschen entgegen, die sich von der Kastanienallee aus in den Prater drängeln. Handelt es sich...
Vor knapp einem halben Jahrhundert wurde, so heißt es, unter Kurt Hübner in Bremen das Regietheater erfunden: Unter anderem 1966, mit Peter Zadeks Skandalinszenierung «Die Räuber», die Schillers Debüt nicht stürmend und drängend als Leidenschafts–überschuss deutete, sondern als bis ins Letzte ausgeleuchtete Bigger-than-life-Kolportage, für die Wilfried Minks ein...
Die Welt ist eine Scheibe und dreht sich unaufhörlich. Eine begrenzte, enge runde Fläche ist diese kleine russische Welt nurmehr, und an den Rändern fliegen die schönen Vergangenheiten, die unsichere Gegenwart und die Zukunft, vor der hier jeder Angst hat, vorbei. Draußen, da mag Moskau liegen, irgendwo Petersburg, da sind auch die ganzen einst ehrgeizigen Ideen...
