Der reisende Theaterabend
Leinen los und heiß die Segel; fahr mit uns / Wir werden nicht bestehen, die Welt wird untergehen.» So extemporiert Blumfeld-Mastermind Jochen Distelmeyer nachmittags beim Soundcheck auf der Festivalkonzertbühne im Innenhof des Schauspiels Hannover. Keine zweihundert Meter entfernt auf dem Opernplatz scheint es, als habe seine Vision bereits einen Ankerplatz gefunden. Dort ist das «Ship o’ Fools» des kanadischen Künstlerduos Janet Cardiff und George Bures Miller aufgebockt. In seinem dunklen Schiffsbauch quietscht und scheppert es.
Man steigt hinab in ein surreales Automatenreich, wo eine Geige mechanisch fiedelt und Töpfe poltern; Schaukästen in der Schiffswand präsentieren dazu Miniaturen von einsamen Menschen in leeren Zimmern. Stumme Zeugen der Jetztzeit. So schippert das verlassene Narrenschiff, anders als sein Vorläufer in Sebastian Brants gleichnamigen Satiren (1494), nicht zur moralischen Unterweisung, sondern mit apokalyptischer Ahndung. «Wir werden nicht bestehen» – die kommende Arche reist ohne Mannschaft, bestückt mit närrisch ratternden Maschinen.
Kontinuitäten
Die Theaterformen sind ein Festival der kurzen Wege, seit sie nicht mehr parallel, sondern im jährlichen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2011
Rubrik: Festivals, Seite 28
von Christian Rakow
Juni 2010, «Der nackte Wahnsinn» von Michael Frayn, Premiere. Zweiter Akt, das Publikum sitzt auf der Bühne und blickt – immer dann, wenn die Türen in diesem Türenstück sich öffnen – von hinten durch die Bühne auf der Bühne in den leeren Zuschauerraum. Da sitzt ganz allein, als einzige Zuschauerin des Stücks im Stück, die Intendantin und Regisseurin des Abends. Die...
Glühlämpchen blinken, die Bodengoldfolie glitzert, der Vorhang spannt sich rot und weiß – eine breit gestreifte Beleidigung für jedes Auge, ausgenommen Freunde der Baumarktmarkise. Ein Theaterstück, das freiwillig in so einem Ambiente spielt, das kann nur schrecklich oder schrecklich lustig sein. Ausgenommen ein Stück von René Pollesch. Das ist dann schrecklich...
Ein Hauch von Melancholie lag über diesen Wiener Festwochen. Kurz vor Beginn des Festivals hatte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny die neuen Intendanten vorgestellt (siehe TH 6/11), und obwohl Markus Hinterhäuser und Shermin Langhoff erst 2014 für das Programm verantwortlich sein werden, war der aktuelle Jahrgang damit zum ersten Akt eines langen Abschieds...
