Denkspiele ins Irgendwo

Das Deutsche Theater denkt politisch: Stephan Kimmig arrangiert Schillers «Demetrius» mit Mario Salazars «Hieron», und Jürgen Kuttner knöpft sich Zar Nikolai vor

Theater heute - Logo

Warum ist nur noch niemand auf die Idee gekommen: Wer keinen Job mehr hat, wird erschossen. Das löst alle Probleme der Arbeitslosigkeit, steigert die Produktivität, spart Sozial­ausgaben und reduziert die Unzufriedenheit nachhaltig. Die vierteljährlichen Hinrichtungen lassen sich nach altrömischem Vorbild in einer großen Arena attraktiv anrichten. Kein Wunder, dass Herrscher Hieron glaubt, alle wesentlichen Probleme auf dem Weg zu Wohlstand und staatlicher Fürsorge gelöst zu haben.

Sein Staat funktioniert überraschend gut, allerdings mit ein paar kleineren zwischenmenschlichen Einschränkungen. Von der jederzeit drohenden Hinrichtung mal abgesehen, haben Arbeitnehmer nur einen Tag Urlaub im Jahr, an dem sich auch die Familie treffen darf, passenderweise zu Weihnachten. Berührungen und andere Intimitäten sind allerdings auch bei dieser Gelegenheit streng verboten. Stattdessen muss ein glückliches Familienfoto für den obersten Wohltäter in eine der Überwachungskameras gelächelt werden. Spaziergänge in der Stadt sind selbstverständlich auch nicht erlaubt.

Ob Mario Salazar mit diesem lichten kleinen Utopia eine Groteske auf den Neoliberalismus schreiben wollte? Oder einen szenischen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2013
Rubrik: Aufführungen, Seite 29
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Das überfüllte Gehirn

Altern an sich ist schon eine lästige Angelegenheit. Aber es gibt nichts Lästigeres, als in der Haut eines alternden Genies zu stecken: zu wissen, dass einen seine Musik nach dem eigenen Ende unsterblich macht, zu fühlen, dass einen Amerika berauschen würde, und über alledem in Zürich stranden, vermutlich aufgrund einer notorisch klammen Reisekasse. Solche...

Blaue Augen

Sobald ein Instrument auf der Bühne steht, kann der Schauspieler Tilo Nest einfach nicht widerstehen. Er stürmt also auch im Wiener Akademietheater zur kleinen elektronischen Heimorgel und schlägt die ersten Takte von Lana Del Reys schwermütigem Lovesong «Video Games» an, brüllt dann unvermittelt die Prostitutions-Ausstiegs-Ballade «Roxanne» von Police, um mit...

Impressum

Die Theaterzeitschrift

im 54. Jahrgang
Gegründet von
Erhard Friedrich und Henning Rischbieter

Herausgeber
Der Theaterverlag – Friedrich Berlin

Redaktion
Eva Behrendt
Barbara Burckhardt
Franz Wille (V.i.S.d.P.)

Mitarbeit
Marion Schamuthe

Gestaltung
Christian Henjes

Designkonzept
Ludwig Wendt Art Direction

Redaktionsanschrift
Nestorstr. 8-9, 10709 Berlin,
Telefon 030/25 44...