Den Geist verneint
Der Studierzimmermonolog aus Goethes «Faust» braucht kein gotisches Gewölbe mehr, um jenes Gruftgefühl zu vermitteln, das sich einem Doktor der Philosophie, Juristerei, Medizin und leider auch der Theologie nach Jahr einen der intellektuellen Überzüchtung wie Blei aufs Gemüt legen kann. Heute stellt man sich schlicht Studenten vor, wie sie sich in breiten Unibibliotheks-Fensterfronten den lieben langen Tag selbst bespiegeln und befragen, was bloß, was, die Bologna-Halbgelehrtenwelt im Innersten zusammenhält.
Das Theater Freiburg hat sechs Exemplare dieser Bildungsspezies zusammen mit Goethes beiden «Faust»-Teilen in einen gläsernen Käfig gesperrt und geschaut, was das Experiment bringt. Und das ist weniger, als Regisseur Marcus Lobbes gewollt haben kann.
Eingangs kriechen die schaumstoffgepolsterten Akteure (Johanna Eiworth, Charlotte Müller, Marie Bonnet, Frank Albrecht, Martin Weigel, Mathias Lodd) durch einen Bodenspalt in den hängenden Glaswürfel, ringeln sich bücherwürmergleich am Boden, bilden einen bunten «Faust»-Zitatehaufen, recken mithin den Kopf aus diesem Meer des Irrtums, bleiben aber meilenweit davon entfernt, Individuum oder Figur zu werden, ein Faust, Mephisto, eine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2012
Rubrik: Chronik: Freiburg Theater, Seite 52
von Stephan Reuter
TH Andres Veiel, Sie haben Susanne Lothar in Ihrem ersten Spielfilm «Wer wenn nicht wir» als Ilse Ensslin, die Mutter von Gudrun Ensslin, besetzt. War das Ihre erste Begegnung? Wie und warum kam es zu dieser Besetzung?
Andres Veiel Vorgeschlagen hatte sie meine Casterin Simone Bär. Suse Lothar selbst war erst mal zögerlich. Sie sagte, sie schätzt meine Arbeit – sie...
Heldendämmerung auf der Bühne: Im Stammesland von Wilhelm Tell haben dazu wenige Hinterhältigeres zu sagen, Klügeres sowieso nicht als die Gruppe Mass & Fieber. Der Verein um Niklaus und Brigitte Helbling hat sich dem therapeutischen Theater nach Brecht verschrieben, und wenn die beiden nun eine Lektion Heldentod übersetzen, dann unter der Ankündigung...
Im ersten Raum sitzt ein Mann am Tisch und dreht einen Lolli zwischen den Fingern. Dort hingesetzt hat ihn unter dem Titel «Swap» («Tausch») der tschechische Konzeptkünstler Roman Ondak: Wer den Lutscher haben will, kann einen Gegenstand zum Tausch anbieten. Wenige Minuten später sind ein Filzstift, eine Visitenkarte, eine Banane, ein Pfandchip, eine Blechdose mit...
