Debatte

Unter der Steppdecke - Zwei Berliner Kongresse beschäftigen sich mit «nützlichem Theater»

Theater heute - Logo

Der Nutzen der Kunst besteht in ihrer Nutzlosigkeit: Mit diesem Paradox wollte Adorno die Kunst vor ihrer Vereinnahmung retten – sei es durch die soge­nannte Kulturindustrie, sei es durch propagandis­tisch gestimmte 68er, die jene mit Kunst bekämpfen wollten. Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, scheint seine Überzeugung so wenig verbreitet, wie sie es zur Zeit der Studentenrevolte war, und man kann, wie neulich Alexander Karschnia in den Sophiensaelen, schon mal auf die Idee kommen, die Flagge der Frankfurter Schule für die gute Sache der Zweckfreiheit zu schwenken.

Denn wohin man auch blickt, Theaterkunst ist selten nur reines, selbstgenügsames Spiel. Theater mit Migranten, Theater mit Neuköllner Rütli­schülern, Theater mit Behinderten, überhaupt Theater mit allem, was strukturschwach erscheint oder eine Minderheit bildet. Theater, das über den Coltanabbau im Kongo, die miesen Methoden der Fleisch- oder Waffenindustrie oder den Krieg in Syrien aufklärt. Tribunale oder Beerdigungen, für die Theater vielleicht nur noch als Tarnung und Legitimationsrahmen taugt, die aber tatsächlich konkrete politische Ziele verfolgen. Theaternetzwerke, die zu konkreten Handlungen aufrufen, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2016
Rubrik: Magazin, Seite 65
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Alptraumwandeln

Fröhlich tropfen die Flageoletttöne aus der Ukulele. Pling, pling, tropf. Aber es sind keine Töne, die da tropfen, es ist Blut, Blut aus einem abgetrennten Schädel, der an einer Gaspipeline hängt und langsam ausblutet. Ein roter, tropfender Ball. Angeblich hätten russische Freischärler so die Leichen tschetschenischer Unabhängigkeitskämpfer zur Schau gestellt, zur...

Romeo und Julia auf dem Dorfe

Der Wiener Theatermacher Christian Suchy passt in keine Genre-Schublade. Angefangen hat er vor 20 Jahren mit sehr eigensinnigen, autistisch-komischen Soloabenden zwischen Mime und Objekttheater, in denen er beispielsweise mit Obst, Gemüse und Küchengeräten ganze Shakespearetragödien nachspielte. Suchy erwarb sich den Ruf eines Geheimtipps, kam darüber aber nicht...

Überall das Böse

Katastrophen brechen den Menschen das Genick, und wer sie überlebt, der bricht mit mensch­lichen Werten. Krieg ist so eine Katastrophe. Oder «Das Erdbeben in Chili» von Kleist. Oder das Mas­saker in David Greigs Terror-Recherchestück «Die Ereignisse».
Das Zinzendorfhaus ist – wie die Stadt Basel seit dem Erdbeben von 1356 insgesamt – ein katastrophenfreier Ort. Hier...