Das Theater behindern
Je mehr ich mich bemüht habe, desto weniger konnten sie es ertragen. Und plötzlich fühlte ich, dass ich sie genauso entfremde, wie sie im alltäglichen Leben entfremdet werden, wenn Leute sie dazu bringen, Dinge zu tun, die sie nicht tun wollen», erklärt der Choreograf Jérôme Bel zum Hintergrund der Inszenierung «Disabled Theater», seiner Zusammenarbeit mit dem Züricher Theater Hora und elf Schauspielern mit geistiger Behinderung.
«Aber ich habe drei Wochen gebraucht, um zu diesem Punkt zu kommen; drei Wochen, in denen ich sie dazu bringen wollte, etwas Aufwändiges, etwas Anspruchsvolles, etwas Konzeptionelles, etwas Schönes zu machen.»
Was ist schön?
Vor dem Hintergrund des Gesprächs, das Jérôme Bel mit den beiden Theaterwissenschaftlern Sandra Umathum und Benjamin Wihstutz geführt hat, erscheint sein Konzept, die Schauspieler mit geistiger Behinderung als «sie selbst» zu inszenieren, einen Moment lang völlig plausibel, ja geradezu notwendig. Dann aber stellt sich Irritation ein: Aus welcher Perspektive beurteilt Bel gerade, was aufwändig, anspruchsvoll oder schön ist? Wollte die Inszenierung die normativen ästhetischen Kriterien in Kunst und Gesellschaft nicht unterlaufen? Gehört ...
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Theater heute Dezember 2015
Rubrik: Bücher, Seite 59
von Anja Quickert
Sie sind ein Bild unerschütterlicher Ruhe und Widerstandskraft: Die Kühe, die der japanische Theatermacher Akira Takayama auf schlammigen Weiden, 14 Kilometer vom Kernkraftwerk Fukushima entfernt, gefilmt hat. Dass sie noch leben, «verdanken» sie, wenn man so will, dem nuklearen Super-GAU im Jahr 2011. Ihr Fleisch ist als atomarer Sondermüll unverkäuflich, und...
Bisher galt die Schweiz als Insel der Kulturglückseligen. Mit Basel als sicherem Grenzhafen. Theatermacher, die hier andocken wollen, auch aus dem Ausland, müssen in erster Linie Qualität beweisen, und nicht so sehr ihre private finanzielle Leidensfähigkeit. Zumindest ist das in den letzten zwei Jahrzehnten so gewesen.
Seit wenigen Wochen wissen plötzlich auch die...
Vorab eine Warnung oder auch Entwarnung: Daniel Kehlmann fehlt im Register dieses Buches und mit ihm alle neueren Kombattanten und Kombattantinnen der immergrünen Werktreue-Debatte rund um die Grenzen (und Entgrenzungen) der Regie-Allmacht. Also alle von Peter Stein und Andrea Breth bis, sagen wir, Joachim Lottmann.
Überhaupt widmet sich Jens Roselt in seiner...
