Das Schwein an der Leine
Gleich zum Auftakt ihres Dokumentarfilms «Prater» breitet die Filmemacherin Ulrike Ottinger ihre schönsten Sammlerstücke aus dem Wiener Vergnügungspark vor dem Zuschauer aus: Hexen, Monster, Ungeheuer, die ruckhaft aus Pappmaché-Höhlen fahren, durch Schusstreffer bewegte Metallschweinchen, die auf einer Rennbahn des Glücks hoppeln, und Clowns, die klickend und schnarrend auf Miniaturbühnen tanzen. Im Zeitalter digital animierter Spiele und Horrorfilmkunst wirkt das mechanische Bestiarium rührend anachronistisch.
Ottinger aber verhilft ihm durch raffinierte Kadragen noch einmal zu Glanz und Wirkung: Der Teufelsgorilla öffnet, steil von unten gefilmt, seine Pranken zur schaurigen Umarmung; Hightech-Achterbahnen und altmodische Karussellskulpturen treten vor knallblauem Sommerhimmel in luftigen Dialog.
Die 65-jährige Künstlerin, die auf ein international beachtetes (Dokumentar-)Filmwerk zurückblickt, hat sich schon immer für mythische Überreste in der Moderne interessiert. Der Prater ist dafür ein exemplarischer Ort. Schon im 19. Jahrhundert entstand hier aus käuflichen Sensationen und Reizungen aller fünf bis sechs Sinne eine Massenkultur. Ottinger befragt die Erben von ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das erste Mal begegnete ich Ulrich Mühe persönlich am späten Abend des 3. November 1989, am Tag vor der großen Demonstration der «Theaterschaffenden» in der DDR-Hauptstadt, die schließlich mit dazu beitrug, dass sechs Tage später die Mauer fiel.
Natürlich hatte ich ihn oft auf der Bühne gesehen – im «Macbeth», im «Egmont», in «Gespenster», zuletzt in Heiner Müllers...
Wieviele Leben stecken in einem Leben?
Manchem hätte es schon für’s ganze Dasein gereicht, was der gebürtige Ungar György Tabori in seiner Budapester Kindheit, in seinen jungen Jahren in Berlin und dann in der Emigration als Auslandskorrespondent und als Mitarbeiter des britischen Secret Service (Deckname: Captain George Turner) auf dem Balkan, in Istanbul,...
Die Chauvinisten sind unter uns. Lackbeschuht schlurfen sie übers Parkett aus rostblutenden Planken, die einer von ihnen wohl in einem Testosteronanfall aus seinem Schiff gebrochen hat. Schließlich ist das hier eine Männerwelt. Und da ist kein Platz für diese Gestalt, die mit strähnigem Haar und knittrigem weißen Frackhemd wie ein eingesperrtes Tier hin- und...
