Das Ich hat die Vollmacht
Endlich mal kein Abend nach Maß, sondern mit Übermaß! Im Saal dröhnen die Unmutsäußerungen: «Das ist doch kein Theater!» Zwei Drittel des Publikums verlassen die Aufführung vor der Zeit. Und das am eigentlich durch Experimentaltheater gestählten HAU2 des Hebbel-am-Ufer in Berlin!
Was war das für ein Auftakt für das 3. Nordwind-Festival: Die Ibsen-Travestie «Ein Puppenheim» vom deutsch-norwegischen Künstlerduo Ida Müller und Vegard Vinge ist ein Findling von einem Theaterabend, erratisch und befremdlich.
In einer bunten Comicwohnung verabschiedet sich das bürgerliche Identitätsdrama in Richtung Computersimulation. Die komplett aus Papier und Kartons zusammengesetzte Breitwandbühne erinnert an digitale Zweitwelten wie «Sims» oder «Papermint». Mutter, Vater, Kinder, die wir hier bei alltäglichen Verrichtungen beobachten (Pinkeln, Onanieren, Fernsehen), sind keine Charaktere, sondern Avatare (Spielfiguren), die vom Steuerpult aus beseelt scheinen.
Schnurrende Automaten
In Zeitlupe schleichen sie umher, mit grotesken Fratzen maskiert, von Sounds untermalt. Manchmal bleiben sie in einer Geste hängen oder laufen wiederholt gegen eine vermeintlich offene Tür, so als sei diese Welt ...
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Warum immer nur bärtige Kerle mit starkem Nahost-Akzent verdächtigen? Im Theater ist schließlich alles möglich. Die Schrifstellerin Juli Zeh hat deshalb «Der Kaktus» geschrieben, ein Stück, in dem der Titelheld in einem Schwanheimer Blumenfachhandel gestellt wird. Bettina Bruinier inszeniert am Münchner Volkstheater – ein einsamer Polizistenspaß inmitten von lauter...
Mal angenommen, die Personnage erklärte sich mit dem Komödienfinale à la Eugène Labiche nicht einverstanden. Der Galan der Ehefrau würde selbige also nicht wieder hergeben, der düpierte Ehemann wäre nicht so blöd, sich hinters Licht führen zu lassen, das Pferd des Privatiers Fadinard fräße auch den nächsten Florentinerhut oder der taube Onkel Vézinet bestünde...
Überraschenderweise hat dieser Hamburger «Baumeister Solness» sehr viel mit dem meisterhaften Wiener «Weibsteufel» zu tun, den Martin Kusej im Mai beim Berliner Theatertreffen zeigen durfte. Dieselbe klirrende Kälte zwischen den Figuren, ein schneidend-klares Licht und ein die Menschen zwanghaft auf Distanz haltendes Bühnenbild von Martin Zehetgruber: Statt auf...
