Darmstadt: Gekrault und gestreichelt
Über «Wut», eine der jüngsten Sprach- und Gehirnorgien Elfriede Jelineks ist – auch an dieser Stelle – ausreichend berichtet worden. Wir können also umstandslos zur Aufführung übergehen, es ist die dritte; nach Stemanns Uraufführung an den Münchner Kammerspielen (s. Th 6/16) strich man in Hamburg das Post-Charlie-Hebdo-Ungetüm gnadenlos zusammen und kombinierte es dann mit Simon Stephens’ «Rage» (s.S. 54 in diesem Heft).
In Darmstadt nun, an den dortigen Kammerspielen, lassen sich der Regisseur Marcus Lobbes und die vier Spieler in einer knapp zweistündigen, angenehm gelungenen Version ganz auf den Text ein.
Lobbes, der sein eigener Bühnenbildner und Videomann ist, legt alles (sowohl auf Bild- als auch auf Ton- und Spielebene) darauf an, «Wut» sprachlich aufzufalten und aufzuspalten. Die Schauspieler sprechen den Text allein, zu zweit oder gemeinsam, die Sprache schichtend, sich ins Wort fallend, sie sagen die Sätze über-, mit- und gegeneinander. Mal verwenden sie ein Mikro, mal ist der Körper der Verstärker, sie sprechen mal auswendig und manchmal folgen sie dem Knopf im Ohr. In diesen unterschiedlichen Sprechweisen erscheint die Sprache sozusagen dreidimensional, bühnenfüllend.
D ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute November 2016
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Peter Michalzik
Ein kleiner großer Schauspieler. Ein Kraftkerl, kein Riese, kein Protz. Bullig und dabei doch behend. Ein Kantekopf, kein Stiernacken. Dennoch spürte man, dass er gern mit dem Kopf durch die Wand wollte. Ja, die Wand sicher gern auch mal mit Fleiß suchte, wenn sie sich nicht sogleich fand. Buschige Brauen, verwegen hoch gestruppte Igelhaare, mit den Jahren immer...
Hannes ist ein ungewöhnlich belesener Bademeister mit interessanten Vorlieben. Einerseits finden sich in seiner Umkleide die aktuellen Klassiker der Kritik am Neoliberalismus wie Saskia Sassen, Richard Sennett oder Slavoj Zizek, andererseits gehört auch Hans von Dach zum Lektüreprogramm, der 1957 in der Schweiz mit seiner Schrift «Der totale Widerstand,...
Die AfD stürmt die Landtage, der sogenannte IS attackiert europäische Werte und vermeintliche Sicherheiten, die postkoloniale Gegenwart holt uns in Form von Millionen Flüchtenden ein, und im Kino haben Superhelden und andere Weltretter Hochkonjunktur. Kein Wunder, dass Thomas Köcks «paradies fluten (verirrte sinfonie)» den sicheren Weltuntergang gleich an den...
