Braunschweig: Modellierte Emotionen
Der Professor aus Syrien will nicht in Deutschland begraben werden. Obwohl er seit 30 Jahren in Braunschweig lebt, haben ihm die Behörden nicht erlaubt, seinen Vater zu einem Besuch einzuladen. Jetzt steht der Mann mit dem altmodischen Sakko wütend auf einem Steg über der Raumbühne und protestiert «gegen diese Behandlung».
Der Professor ist kein echter Wissenschaftler, sondern wird vom Staatstheater-Schauspieler Mattias Schamberger gespielt.
Denn das Theater-Kollektiv werkgruppe2 verzichtet im Gegensatz zu den großen Kollegen von Rimini Protokoll darauf, Experten des Alltags vor den Zuschauern auszustellen.
Monatelang haben die Regisseurin Julia Roesler und die Dramaturgin Silke Merzhäuser in Braunschweig mit Migranten gesprochen, mit Wissenschaftlern an der technischen Universität und mit Flüchtlingen aus der größten Anlaufstelle in Niedersachsen. Aus den Interview-Protokollen haben sie diesen Abend gebaut, an dem Schauspieler Menschen spielen, die tatsächlich in der Stadt leben.
Zum Beispiel die junge Syrerin Elisa, die vom Tabuthema Sex in ihrer Heimat erzählt. Bis zur Hochzeit wüssten viele Mädchen nichts über die körperliche Liebe, dann seien sie geschockt. In Braunschweig ...
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Theater heute Mai 2015
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Alexander Kohlmann
Hier regiert ordentlichste Bürgerschrecklichkeit: Die Manuskript-«Reinschrift auf Bütten» ist Frank Castorfs Text- und Verhandlungsgrundlage seiner fünfstündigen Hamburger Hans-Henny-Jahnn-Bewältigung, die die 186 Manuskript-Seiten etwas gestrafft und nur mit minimalen Einschüben zu Gehör bringt. Wobei «Reinschrift auf Bütten» Jahnns Grundspannung schön auf den...
André Bücker neigt weder als Regisseur noch als Noch-Intendant des Anhaltischen Theaters Dessau zu übertriebener Raffinesse und subtilen Zwischentönen. Als im vergangenen Jahr der Konflikt mit dem Land Sachsen-Anhalt, das seine Theaterzuwendungen unter dem machtbewussten Kultusminister Stephan Dorgerloh systematisch reduziert, eskalierte, antwortete Bücker mit...
Diese Inszenierung nervt. Sie ist laut, schrill, obszön. Sie veralbert und verschalkt ihre Figuren. Sie übertreibt in ihren Mitteln, scheint kein Maß und keine Sensibilität zu haben. Und doch trifft es die Inszenierung in einem Punkt genau: ein Grundgefühl dafür zu schaffen, was das Leben in Israel und Palästina ausmacht – immer am Abgrund, immer aber auch mitten...
