Auf verlorenen Posten
Wer glaubt noch «Nathan»? Lessings akkuratem Fünfakter von der überlegenen Weisheit einer aufklärerischen Vernunft, die sich über alle Religionen hinweg mit souveräner Toleranz durchsetzt? Dieser aufklärerischen Utopie einer Humanität, vor der alle Menschen gleich sind wie in einer großen Familie, die sich am Ende segensreich um den Hals fällt? Wer könnte solche Flötentöne aufs hohe Lied der Brüder- und Schwesterlichkeit in Zeiten religiösen Fundamentalismus’, sich überschlagender Flüchtlingskrisen und europäischer Grenzschließungen überzeugend anstimmen?
Andererseits
waren die Zeiten selten besser für Lessings «dramatisches Gedicht». Schließlich hat es sein Autor nicht als das bequeme Erbauungsgesäusel geschrieben, zu dem der Schulbuchklassiker geworden ist, sondern als politische Streitschrift. Ging es damals gegen den autokratischen Anspruch einer christlichen Herrschaftsreligion, wäre heute die Ohnmacht einer idealistischen Position ein Hebel für Nathans Widerspruch. Allerdings muss man diesem unglaublichen «Nathan» dafür auch ein Stück weit glauben. Sprich: vertrauen.
Menschen im Hotel
Armin Petras hat sich dem Problem über einen Umweg genähert, sowohl ästhetisch als ...
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Theater heute Mai 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille
Der Muezzin ruft. Ascheflocken rieseln auf Jerusalem. In der umkämpften Stadt verspricht das nichts Gutes, am wenigsten zu Kreuzzugzeiten. Aber der erste Bühneneindruck täuscht. Sechs Vermummte verrichten friedlich ihr Gebet, und der Ascheschnee ist vorerst Vorbote einer Heldentat: Ein Tempelritter hat ausgerechnet eine Jüdin aus einem brennenden Haus gerettet.
«Nat...
Identität entsteht aus den Bildern, die man von sich selbst hat. Mit Hilfe der Erinnerung verknüpft man diese Bilder. Das ist der selbstkonstruierte Kern des Eigenen: die Biographie. Neue Bilder der eigenen Vergangenheit zu integrieren, ist schwer: «Das Schwierigste nicht scheuen, das Bild von sich selbst ändern.» (Christa Wolf)
Thomas Melles Aufarbeitung des...
Peer Gynt», steht auf der ersten Umschlagseite des Programmhefts, «Oder die Unmöglichkeit, Peer Gynt zu sein» auf der zweiten. «Oder wie Henrik Ibsen 1879 anfing, unglaublich tolle Frauenrollen zu schreiben», folgt auf der dritten. Schließlich ein vierter Titel-Anlauf: «Oder die Erlaubnis für Frauen, total auszurasten». In ungefähr diesen Gedankenschritten dürfte...
