An den Grenzen der Kultur
Die zweitstärkste Szene dieser belgisch-deutsch-irakischen Rumpf-«Orestie» ist nur auf Video zu sehen: Der legendäre, weil Demokratie- und Rechtsstaat begründende Schluss von Aischylos’ Trilogie sieht für das Ende der ewigen Gewalt einen recht knappen Ausgang vor. Bei der Abstimmung, ob Orest für den Rachemord an seiner Mutter Klytaimnestra verfolgt oder begnadigt werden soll, steht es unentschieden. Erst die Stimme der Göttin Athene gibt den Ausschlag für den Freispruch.
Genau so ist es auch auf dem Video mit irakischen Schauspielschülern in Mossul zu sehen: vier dafür, vier dagegen. Doch dann fragt die Darstellerin von Athene noch mal privat nach. Soll man gefangene IS-Mitglieder, die jahrelang die Stadt terrorisiert, wahllos Menschen ermordet und Frauen verschleppt haben, zum Tod verurteilen oder ihnen vergeben? Und die jungen Iraker, von denen einige noch vor Kurzem auf Tod plädiert hatten, stimmen nun, am Ende der Proben, einstimmig dagegen. Vergeben wollen sie aber auch nicht. Klingt alles sehr nach einem ordentlichen Strafprozess und längeren Gefängnisstrafen.
Offenbar hat Milo Raus «Orest in Mossul»-Inszenierung, die den Stoff der Orestie in die von Bürgerkrieg und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Franz Wille
SZENE 1 – Niels Monolog
Niels Hallo, guten Abend, mein Name ist Niels Bormann.
Ich möchte mich ganz kurz vorab entschuldigen, dass hier heute ein Stück mit Israelis, Palästinensern und Deutschen stattfindet, das wir schon vor 10 Jahren gemacht haben. Das ist nicht schön. Das tut mir wirklich leid!
Damals an der Schaubühne habe ich damit angefangen, dass ich mich für...
Zu Beginn der Pressekonferenz, auf der der Berliner Kultursenator Klaus Lederer den Intendanten der Volksbühne (dann wieder: am Rosa-Luxemburg-Platz) ab 2021/22 vorstellte, wurde ein fünfseitiges Papier verteilt. Es handelte sich dabei offenbar um eine aktualisierte Form des Bewerbungsschreibens, das den 56-Jährigen Ende letzten Jahres beim Senat unter der...
Wie verhält es sich eigentlich mit der Quote bei den Puppen? Nein, hier wird nicht gefragt, ob die Parität gewahrt bleibt und endlich im selben Verhältnis männliche (also der Kasper zum Beispiel) und weibliche (etwa die Gretel) künstliche Wesen auf den Bühnen der Figurentheater vorkommen. Viel interessanter ist, wie sehr schon die digitale Welt in diesem doch immer...
